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KRIEG UND FRIEDEN
Clusterbomben und Enthauptungsschläge
von Andreas Weibel | 01.02.04.

Hunderte von Opfern unter der Zivilbevölkerung im Irakkrieg hätten vermieden werden können, berichtet Human Rights Watch.

In der Zeit von den ersten Luftschlägen gegen den Irak Ende März 2003 bis zum Fall Bagdads wurden Tausende von Zivilisten bei Kampfhandlungen getötet und noch mehr wurden verletzt. Die unabhängige Organisation iraqbodycount.net beziffert die Anzahl der unschuldigen Opfer mit 8'100 bis 10'000. Grosse Zahlen, die jedoch nichts über die menschlichen Tragödien und die Umstände des Leides aussagen. Im Frühsommer des vergangenen Jahres hat die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) ein Expertenteam in den Irak entsandt, das klären sollte, in welchem Mass die Konfliktparteien Humanitäres Völkerrecht verletzten. Ziel war herauszufinden, welche Taktiken der Militärs unnötiges Leid unter der Zivilbevölkerung verursachten und wie dies hätte verhindert werden können.

Vermeidbare Opfer

Die irakische Armee habe sich einer ganzen Reihe von Verstössen gegen das Völkerrecht schuldig gemacht, berichtet HRW, darunter der Benützung von menschlichen Schutzschilden. Die USA und Grossbritannien werden vor allem ihrer Kampfmethoden wegen angeklagt, welche Hunderte von Zivilisten das Leben kosteten, obwohl dies vermeidbar gewesen wäre. Der Bericht kritisiert insbesondere zwei Kriegspraktiken: Die eine ist der Einsatz grosser Mengen von Cluster-Bomben (siehe Kasten). Mehr als 10'000 solcher Grananten wurden von den amerikanischen und britischen Streitkräfte eingesetzt, wiederholt auch um irakische Stellungen in Wohngebieten anzugreifen. Dabei hätten die Invasionstruppen Hunderte bis Tausende unschuldiger IrakerInnen, darunter auch viele Frauen und Kinder, getötet, schreibt HRW.

Misslungene Enthauptungsschläge

Der zweite Hauptvorwurf von HRW richtet sich gegen die militärischen Attacken ganz zu Beginn des Krieges, welche im Newspeak des US-Militärs "Enthauptungsschläge" genannt wurden. Mit Hilfe von abgefangen Gesprächen via Satellitentelefon oder Geheimdienst-Informationen versuchte das US-Militär damals gezielte Bombenangriffe gegen einzelne irakische Führungspersönlichkeiten durchzuführen. Die Ortung der Mobiltelefone war jedoch zu ungenau und die Aufklärung durch die Nachrichtendienste zu unzuverlässig. Ungefähr fünfzig solcher "Enthauptungsschläge" wurden gestartet, kein einziger davon war erfolgreich. Stattdessen wurden ganze Häuserzeilen in Schutt und Asche gelegt. Obwohl selbst für die USA offensichtlich war, dass diese "Enthauptungsschläge" ihr erklärtes Ziel nicht erreichte, setzte die amerikanische Armee diese Angriffe fort, was Hunderte von Unschuldigen mit ihrem Leben bezahlen mussten.

Menschlicher Krieg dank schlaueren Bomben?

Die wichtigsten Empfehlungen von Human Rights Watch an die involvierten Streitkräfte sind: Nach jedem Einsatz soll ein "Battle Damage Assessment" durchgeführt werden, um "Kollateralschäden" besser gegen "erwünschte Schäden" abzuwägen; Auf Streumunition soll verzichtet werden, solange die Blindgänger-Rate nicht reduziert werden kann; Und schliesslich sollen in bewohnten Gebieten, falls möglich, nur noch "intelligente Bomben" eingesetzt werden.

Auch wenn solche Massnahmen helfen sollten, Opfer unter der Zivilbevölkerung zu verhindern: Menschlich wird ein Krieg auch dadurch niemals sein.

Cluster-Bomben

(aw) Die sogenannte Cluster-Bomben oder Streumunition sind Granaten, welche sich über dem Zielgebiet in viele Einzelgeschosse aufteilen, um eine ganze Fläche mit Zerstörung zu überziehen. Es hat sich jedoch gezeigt, dass viele der einzelnen Sprengkörper nicht explodieren und so als Blindgänger zu einer bleibenden Gefahr für Unbeteiligte, insbesondere für spielende Kinder, werden.

Immer wieder gab und gibt es Vorstösse und Kampagnen, diese Waffen international zu ächten und ihren Einsatz als Verstoss gegen das Humanitäre Völkerrecht zu werten, da sie übermässiges Leiden verursachen und keinen Unterschied zwischen Soldaten und Zivilbevölkerung machen. Bisher blieben jedoch alle Anläufe erfolglos.

Auch die Schweiz mischt mit

Auch die Schweizer RUAG-Holding, welche sich zu 100 % im Besitz des Bundes befindet, produziert in Zusammenarbeit mit einer israelischen Rüstungsfirma Cluster-Bomben. In einem Prospekt preist die RUAG die Granate mit den Worten an, sie wirke "wie ein Hagelsturm". Mit dem Rüstungsprogramm 1999 hat das Parlament knapp 200 Millionen Franken für solche Munition für die Schweizer Armee bewilligt. 

Thema: Krieg und Frieden
Typ: GSoA-Newspaper
Kategorien: Irak, Streumunition
Ausgabe: 112

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