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KRIEG UND FRIEDEN
Friedensförderung und Geschlecht
von GSoA, Christine Scheidegger | 01.06.04.

(cs) Am Gender Roundtable des KOFF wurde das Thema «Warum ist gender ein Thema in gewaltsamen Konflikten?» diskutiert. Dieser Artikel fasst die Ergebnisse für die GSoA zusammen.

1. Andersartige Konflikte

Gewaltsame Konflikte sind heute oft innerstaatlich und asymmetrisch. Besonders stark betroffen ist die Zivilbevölkerung. Zwei Phänomene sind aus Gendersicht «neu» relevant. Einerseits kommt es oft zu einer «Kultur der Gewalt», d.h. Gewalt wird im Alltag als legitimes Mittel zur Durchsetzung von sozialen und politischen Zielen benutzt (z.B. Zunahme häusliche Gewalt, Kindersoldaten, Verbreitung von Kleinwaffen).

Das zweite Phänomen ist die generelle «Sexualisierung» von Konfliktgebieten. Dabei geht es nicht nur um den zunehmend kommerzialisierten Sexhandel (einschliesslich Kinderprostitution), der mit internationalen Organisationen und der Präsenz von sogenannten «Friedenstruppen» auftritt (Kambodscha, Kosov@, Mozambique). Sondern auch um die Stigmatisierung und Diskriminierung von Frauen, die zu ihrem eigenen Überleben (und dem ihrer Kinder) sexuelle Beziehungen mit Soldaten eingehen.

2. Neue individuelle Rollen

Während und nach Konflikten sind Frauen und Männer in verschiedenen «neue» Rollen, Erfahrungen und Aktivitäten tätig. Trotz all den Verheerungen des Konflikts kann es dabei individuell zum Bruch mit der «alten» geschlechtsspezifischen Gesellschaftsordnung kommen. Diese "Befreiung" durch die Übernahme von traditionell männlichen Rollen beispielsweise durch «Männerarbeit», Gewaltausübung in militärischen Gruppen ist ambivalent und schwierig zu beurteilen.

3. Radikaler sozialer Wandel

Gewaltsame Konflikte können radikalen sozialen Wandel auslösen und einer Vielzahl von Frauen ermöglichen, aus früherer Unterdrückung und Diskriminierung auszubrechen. Mit der Übernahme von «neuen» Rollen und Aufgaben, wie Erwerbstätigkeit und mehr Bewegungsfreiheit, werden Freiheitspotentiale auch bewusst wahrgenommen.

4. Auswirkungen von «Friedensverhandlungen»

Fast immer finden «Friedensverhandlungen» ausschliesslich unter Männern statt und Genderfragen werden darin nicht explizit diskutiert. Das Verhandlungsergebnis spiegelt dann diese Geschlechterblindheit wieder, wenn in sogenannten vergeschlechtlichten Übereinkünften («gendered deals»), unterschiedliche Rechte und Aufgaben für Männer und Frauen in den neu geschaffenen politischen und wirtschaftlichen Institutionen festgeschrieben werden. Beispielsweise erhalten Frauen als Ex-Kombattanten keinen Zugang zu Reintegrations- und Demobilisierungsmassnahmen, weil sie gar nicht als Kombattanten betrachtet werden. Um Konflikte ganzheitlich zu bearbeiten, müssen genderspezifische Fragen in den Friedensprozess integriert und von kompetenten Frauen und Männern bearbeitet werden.

5. Gestiegenes Genderbewusstsein

Seit den 80er Jahren sind mehr Frauen in staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen aktiv, die sich mit frauenspezifischen Inhalten und Genderfragen beschäftigen.

Dem in den letzten Jahren gestiegenen Genderbewusstsein wird Nachachtung verschafft, in dem verschiedene Instrumente in die bestehenden Politikstrategien integriert werden. Ein Beispiel dafür ist die UN-Sicherheitsratresolution 1325, die u.a. eine stärkere Berücksichtung von Frauen auf allen Verhandlungsebenen fordert.

6. Nachhaltigkeit

Langfristige Gendergleichheit ist ein grundlegendes Menschenrecht, das sich positiv auf soziale Gerechtigkeit auswirkt und letztendlich nachhaltige Entwicklung fördert.

Was ist gender?

Im englischen gibt es zwei Begriffe: sex und gender. sex wird gemeinhin mit biologischem Geschlecht ins Deutsche übersetzt und gender mit sozialem Geschlecht. Hier wird unter gender das Verhalten einer Person, ihre Kleidung und die gesellschaftlichen Rollen, die sie als Frau oder Mann einnehmen kann, verstanden. Das gender muss nicht zwingend mit dem sex übereinstimmen. Das gender ist historisch wandelbar und variiert je nach sozialer Schicht und kulturellem Hintergrund. Somit ist das gender prinzipiell politisch veränderbar. (Das Verhältnis von sex und gender ist wesentlich komplexer und keineswegs so eindeutig als hier beschrieben. Die Autorin ist gerne bereit, über das Thema zu diskutieren?)

Was ist der «Gender Roundtable»?

Der Gender Roundtable ist ein bei «swisspeace» angesiedeltes Vernetzungsprojekt des Kompetenzzentrums für Friedensförderung (KOFF), das an der Schnittstelle Verwaltung, Hilfswerke, NGO's, Wissenschaft und «Nachwuchs» einen Wissens- und Erfahrungsaustausch ermöglicht. Am zweimonatlichen thematischen Roundtable nehmen in wechselnder Besetzung rund 30 Personen teil. Christine Scheidegger beteiligt sich seit 2003 für die GSoA am Gender Roundtable.

Thema: Krieg und Frieden
Typ: GSoA-Newspaper
Kategorien: Gender
Ausgabe: 114

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