Themen > Krieg und Frieden

KRIEG UND FRIEDEN
RoboCop und Cyborgs
von Daniel Bachofen | 01.11.04.

Die Kriegsmaschinerie hat sich im letzten Jahrhundert weiterentwickelt wie noch nie zuvor. Doch trotz High-Tech Kriegsgeräten ist auch die modernste Armee nur so stark wie ihr schwächstes Glied, und das ist das gleiche wie schon seit jeher: der Mensch. Ein amerikanisches Rüstungsprogramm will das nun ändern.

Das Forschungszentrum «Defense Advanced Research Projects Agency» (DARPA), welches direkt dem Pentagon unterstellt ist, soll dieses schwächste Glied in der Kriegsführung nun weiterentwickeln zu einer schwerbewaffneten Tötungsmaschine, welche tagelang ohne Schlaf auskommt, kaum Schmerzen kennt und dazu auch noch ferngesteuert werden kann. Was bisher nur Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone erreichten, das soll in naher Zukunft jeder US-Soldat dank Drogen, Gentechnologie und Mikrochips erledigen können.

Auf dem Weg zu RoboCop

Um diese Vision zu verwirklichen wurden unter anderem im Rahmen des «Brain Machine Interface Program» erfolgreich Experimente mit Affen angestellt, deren Gehirnimpulse von Sensoren am Kopf aufgenommen wurden und mittels eines Steuercomputers interpretiert wurden. So wurden beispielsweise bereits mechanische Roboterarme über die Gedanken der Affen gesteuert. Soldaten sollen so in ferner Zukunft die Möglichkeit haben, per Gedanken Waffen kontrollieren zu können, von einfachen Handwaffen bis hin zu unbemannten Flugzeugen.

Teile des Programms beschäftigen sich mittlerweile sogar mit dem umgekehrten Weg, also wie elektronische Daten, zum Beispiel Kampferfahrungen anderer Soldaten, in den Kopf der Soldaten übertragen werden können. Die Realisierung dieser Technologie soll jedoch noch einige Jahrzehnte entfernt liegen.

Neben Sensoren zur Gedankensteuerung sollen am Soldaten auch Sensoren zur Detektion von Muskelbewegungen angebracht werden. So liesse sich etwa die Kraft eines Menschen durch zusätzliche mechanische Systeme erheblich verstärken. An der University of California wurde dazu bereits der so genannte «Lower Extremity Enhancer» entwickelt, ein Beinbestandteil des Exoskeletts, der den Träger in die Lage versetzt, ohne Mühen Lasten von 260 Kilogramm in jedem Terrain zu transportieren. Ein weiteres Programm der DARPA, das «Continuous Assisted Performance Program», beschäftigt sich damit, wie Soldaten bei gleich bleibender Leistung bis zu eine Woche ohne Schlaf auskommen können, beziehungsweise wie der Schlaf elektronisch gesteuert und überwacht werden kann. So soll ein Soldat beispielsweise aus einem quasi elektronisch gesteuerten Schlaf in Sekundenbruchteilen mit voller Aufmerksamkeit geweckt werden können. Neben implantierten Mikrochips wird dazu auch die Manipulation des Stoffwechsels erforscht.

Für Krieg geschaffen, für Frieden nicht tauglich

Die Pläne der Frankensteins im Pentagon sind aus menschlicher Sicht äusserst verabscheuenswürdig. Doch auch neben allen moralischen und ethischen Bedenken stellt sich die Frage nach dem Sinn von Frankensteins Monster im Dienst des Pentagon. Die amerikanische Armee ist bereits heute seinen Gegnern masslos technisch überlegen. Der «Supersoldat» oder gar ein Roboter an dessen Stelle würde diese Überlegenheit in der Kriegsführung wohl nochmals gewaltig steigern, aber ist das im Sinn der USA und ihrer Sicherheit?

Aus dem Krieg gegen den Irak sollten die Strategen im Pentagon eigentlich eine wichtige Lektion gelernt haben: Krieg zu gewinnen ist das eine, Frieden und Sicherheit zu gewinnen was ganz anderes. Durch eine Armee der weltbesten High-Tech-Waffen sicherte sich die USA zwar rasch die Hoheit im Irak, doch von einem Frieden sind sie weiter weg als je zuvor. Eine Armee von «Terminatoren» würde dieses Problem nur noch massiv verschärfen.

Der Verlust der Menschlichkeit eines Soldaten, welcher auch heute schon ohne technische Veränderung des Körpers auftritt, verunmöglicht aber nicht nur friedliche Lösungen, sondern erschwert auch die Rückkehr in zivile Leben. Auch hier müsste sich die amerikanische Regierung dem Problem bewusst sein: Bereits im Vietnam-Krieg hatten viele Soldaten massive psychische Probleme nach der Rückkehr in ihre Heimat. Umso grösser der physische und psychische Einfluss des militärischen Apparates auf den Soldat ist, desto schwieriger wird für ihn die Rückkehr. Die Wiedereingliederung eines «für das Töten optimierten» Menschen in die zivile Gesellschaft scheint aussichtslos.

Fazit

Neben allen ethischen und moralischen Widrigkeiten würde die fortgeschrittene Entmenschlichung von Soldaten wahrscheinlich fatale Auswirkungen auf die Soldaten und ihr Umfeld haben, sowohl im Krieg als auch nach deren Rückkehr.

Der einzige sinnvolle Einsatz der DARPA-Forschungen wäre wohl die Übertragung des menschlichen Empfindens und der Gefühle der Soldaten in die Köpfe der Generäle und Befehlshaber. Vielleicht gäbe es so bald schon keine Kriege mehr, wenn diese auch mal erfahren würden, welcher Angst und Schmerz ihre Entscheidungen verursachen - so wie auch Dr. Frankenstein schlussendlich erfahren musste, was er seinem Monster antat.

Thema: Krieg und Frieden
Typ: GSoA-Newspaper
Ausgabe: 117

Share: