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KRIEG UND FRIEDEN
Schwerter zu Sandsäcken
von Felix Birchler | 01.11.05.

(fb) Katastrophenhilfe der Armee wird von vielen BürgerInnen begrüsst. Wer den Katastrophenschutz jedoch ernst nimmt, sollte darin mehr sehen als eine Beschäftigungstherapie.

Während der Überschwemmungen im August kam auch die Schweizer Armee zu einem Hilfseinsatz. Solcherlei Katastrophenhilfe durch das Militär wird von vielen BürgerInnen begrüsst, auch von ArmeegegnerInnen. «So machen sie wenigstens etwas sinnvolles», hört man oft. Wer den Katastrophenschutz jedoch ernst nimmt, sollte darin mehr sehen als eine Beschäftigungstherapie.

Nicht die diffuse Angst vor Terroranschlägen hat die SchweizerInnen in den letzten Jahren am meisten verunsichert, sondern die stärker und häufiger werdenden Naturkatastrophen. So lautet eine der zentralen Schlussfolgerungen der jüngsten Univox-Studie zum Thema Verteidigung und Sicherheit (nachzulesen beim gfs-Institut für Markt- und Sozialforschung: www.gfs-zh.ch). Nicht Rucksackbomber und Flugzeugentführer machen immer mehr Menschen Angst, sondern Überschwemmungen, Erdbeben oder Stürme.

Darüber hinaus fragte die Univox-Studie auch nach der Einstellung der Bevölkerung zur Armee im Allgemeinen und zu deren Katastropheneinsätzen im Besonderen. Dabei begrüssten erstaunliche 98% der befragten Personen die militärischen Katastropheneinsätze im Inland, während lediglich 71% der Meinung sind, die Schweiz müsse überhaupt eine Armee unterhalten. Die Einsätze der Armee bei Naturkatastrophen sind also unumstritten und werden auch vom Grossteil der ArmeekritikerInnen und ArmeeabschafferInnen gutgeheissen.

Sandsäcke stapeln zu PR-Zwecken

Auch die Armeeführung hat die Popularität solcher Einsätze erkannt und bei den Überschwemmungen im Sommer 2005 eine eigentliche PR-Kampagne gestartet, der im typischen Militärjargon der Name «Aqua 0805» verliehen wurde. Die Hauptmessage: die Armee ist unverzichtbar, wenn es in der Schweiz zu Naturkatastrophen kommt. Nur sie verfüge über die Logistik, um komplexe Hilfseinsätze bei Unwettern zu planen und durchzuführen. Stolz verkündete das Militär, es würde über Baugerät und Wasserpumpen verfügen, die bei den zivilen und lokalen Rettungskräften nur ungenügend vorhanden sind. Die Armee bezieht aus solchen Einsätzen den letzten Rest ihres zusammengeschmolzenen Ansehens bei der Bevölkerung.

Bei genauerer Betrachtung muss man aber zum Schluss kommen, dass kritiklose Zustimmung zu diesen Einsätzen fehl am Platz ist. Zwar ist es durchaus einleuchtend, dass eine Armee im Hilfseinsatz sinnvoller ist, als eine Armee die überhaupt sinnlos ist. Allerdings sollte dies nicht die Tatsache verdecken, dass die blosse Existenz der Armee der zivilen Katastrophenhilfe wichtige Mittel entzieht. Statt Milliarden in eine überflüssige Armee zu buttern und zu hoffen, dass das verschwendete Geld wenigstens ein paar Soldaten zum Geröll wegschaufeln bringt, wäre es wesentlich sinnvoller, mit bedeutend weniger finanziellen Mitteln, ein gut ausgebildetes, ziviles Katastrophenhilfekorps aufzubauen. Wenn die Armee heute teilweise mit besserem Material ausgerüstet ist als die zivilen Katastrophenschützer, so bedeutet das nicht, dass deswegen die militärische Katastrophenhilfe noch stärker ausgebaut werden muss. Im Gegenteil: die Unterdotierung der zivilen Katastrophenhilfe muss kompensiert werden und nichts liegt näher, als dafür die Ressourcen frei zu machen, die heute in der Armee versickern. Nur dies wäre eine seriöse Antwort auf die steigenden Ängste der Schweizer Bevölkerung vor Umweltverheerungen.

Verzweifelte Suche nach Daseinsberechtigung

Dem amerikanischen Soziologen Andrew Lakoff folgend, lassen sich zwei Arten von Sicherheit unterscheiden. Die erste Form ist die nationale Sicherheit. Der Nationalstaat versucht seine territoriale Integrität vor äusseren Angriffen zu schützen und kann dabei gegebenenfalls auch zur Anwendung militärischer Mittel gezwungen sein.

Die zweite Form von Sicherheit stellt hingegen die Gesundheit und das Wohlergehen der Bevölkerung in den Vordergrund. Individuelle Risiken wie Krankheit, Unfälle oder Armut sollen durch kollektive Sicherungsmechanismen aufgefangen werden. Als Bedrohung für die Menschen gelten auch die Folgen von Überschwemmungen oder Erdbeben. Aufgabe der Gesellschaft ist es, den Menschen beizustehen, deren Existenzgrundlage durch Naturkatastrophen zerstört wird. Das reicht von der Rettung aus lebensbedrohlichen Lagen, bis hin zur Hilfe beim Wiederaufbau der Häuser und gesellschaftlichen Strukturen.

Als Institution die sich selber als Garantin der Sicherheit versteht, muss es die Schweizer Armee natürlich beunruhigen, dass kein vernünftiger Mensch mehr daran glaubt, dass unsere nationale Sicherheit von aussen bedroht sein könnte. Um die eigene Überflüssigkeit nicht zu deutlich werden zu lassen, präsentiert sich die Armee deshalb verstärkt als Notwendigkeit für die zweite Form von Sicherheit, den Schutz der Bevölkerung vor Gefahren jeglicher Art (Überschwemmungen, Terroristen, Hooligans). Diese Umlagerungspolitik muss klar als das benannt werden was sie ist: als Selbsterhaltungstrieb einer Institution deren Lebenszweck entfallen ist. Es wäre nur sinnvoll, dem Leiden ein Ende zu machen und stattdessen einen kraftvollen, zivilen Katastrophenschutz aufzubauen. Der Armee weinte dann bestimmt niemand mehr eine Träne nach.

Thema: Krieg und Frieden
Typ: GSoA-Newspaper
Ausgabe: 123

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