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KRIEG UND FRIEDEN
Sehen und gesehen werden in Israel/Palästina
von Stefan Luzi | 01.11.05.

Die Organisation Peace Watch Switzerland (PWS) entsendet freiwillige MenschenrechtsbeobachterInnen nach Israel/Palästina. Welche Erfahrungen haben die Projektverantwortlichen dabei in den letzten Jahren gemacht? Und wie beeinflusst die politische Lage im Nahen Osten die Arbeit der BeobachterInnen?

Das Palästina Projekt bei PWS ist die Schweizer Beteiligung am EAPPI Programm des Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI), das auf Initiative des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) 2002 gegründet wurde. Bis jetzt sind über 200 internationale BegleiterInnen in einen Einsatz geschickt worden, davon achtzehn aus der Schweiz. Die Hilfswerke HEKS, Mission 21, cfd und HorYzon haben die Trägerschaft des Projekts in der Schweiz übernommen. Die operationelle Verantwortung der Projektdurchführung liegt bei Peace Watch Switzerland. Das Ziele des Programms ist das Sehen und gesehen werden von internationalen MenschenrechtsbeobachterInnen in Konfliktgebieten. Durch die Internationale Präsenz kann die Gefahr von Übergriffen auf die Zivilbevölkerung vermindert werden. Ein weiterer wichtiger Grundpfeiler ist die Berichterstattung über die Situation vor Ort durch die MenschenrechtsbeobachterInnen.
Die GSoA-Zeitung sprach mit Daniela Vorburger, seit 2004 Projektverantwortliche für das Palästina-Projekt bei Peace Watch Switzerland.

Daniela, was hat sich seit Beginn deiner Arbeit am Palästina-Projekt von PWS verändert?

Die Projektarbeit hat sich intensiviert. Das Projekt ist angewachsen, die Strukturen sind heute klarer, die Aufgaben weiter gefasst. Dadurch ist natürlich auch der Aufwand für die Führung des Projekts gestiegen. Wir haben in den letzten fünfzehn Monaten acht MenschenrechtsbeobachterInnen nach Israel/Palästina geschickt. Das ist zwar eine gute Zahl, wir haben allerdings mit mehr gerechnet. Ein Vorteil war allerdings, dass ich mich in diesem Jahr intensiver der Projektevaluation und Implementierungen widmen konnte. Auch hat Peace Watch Switzerland dieses Jahr eine Organisationsentwicklung in Angriff genommen, die sehr erfolgreich, dementsprechend aber auch zeitintensiv war.

Woran liegt Deiner Meinung nach die Zurückhaltung von Interessierten, einen Einsatz mit PWS in Israel/Palästina zu machen?

Ich denke, da gibt es unterschiedliche Gründe. Die wichtigsten Gründe sehe ich in der Zeitplanung und im Sicherheitsaspekt. Viele Interessierte, die mich im Büro kontaktieren, haben jetzt Zeit und wollen bald möglichst ausreisen. Unsere Planung sieht aber vor, dass alle ein Vorbereitungsseminar bei PWS besuchen, bevor sie in einen Einsatz beschickt werden. Diese Training bieten wir zwei- bis dreimal im Jahr an. Dazu kommt, dass wir Freiwillige zu festgelegten Daten viermal im Jahr nach Israel/Palästina schicken, nämlich dann, wenn ein neuer dreimonatiger Einsatz des internationalen EAPPI-Programms in Jerusalem beginnt. All diese Daten verlangen eine sorgfältige Planung. Ein spontanes «Jetzt habe ich gerade Zeit, jetzt reise ich aus!» funktioniert also nur im Glücksfall. Allerdings haben wir jetzt eine Strategieänderung vorgenommen und bieten allen Interessierten an, ihre Bewerbungsunterlagen für einen Einsatz ab sofort einzureichen, dann das nächste Vorbereitungsseminar zu besuchen und wenn immer möglich am ersten Termin nach dem Training auszureisen. So können wir die Warte- und Vorbereitungszeit verkürzen.

Ein anderer Punkt, den ich für sehr wichtig halte, sind Sicherheitsbedenken der Interessierten. Israel/Palästina ist nach wie vor täglich mit Gewaltmeldungen in der Presse. Unsere Leute sind mehrheitlich in den besetzten Gebieten unterwegs und erleben so die Besatzung hautnah. Dass das Leben von Internationalen trotzdem ganz anders aussieht als dasjenige der PalästinenserInnen und dass Internationale selten Ziel von Gewaltübergriffen werden, ist manchmal natürlich schwierig zu vermitteln. Ich denke, wir müssen diese Bedenken von Interessierten auch sehr ernst nehmen und korrekt mit diesen umgehen. Ausser einer guten Aufklärung und einer fundierten Vorbereitung und Betreuung können wir aber faktisch wenig unternehmen. Schliesslich ist es eine Tatsache, dass das Gebiet eine Krisenregion mit massiver Militärpräsenz ist. Wir können und wollen den Leuten natürlich nicht etwas anderes erzählen, müssen die Möglichkeiten von Gefahren aber auch realistisch einschätzen.

Du sprichst die Situation vor Ort an. Wie stark beeinflusst die aktuelle politische Lage eure Arbeit vor Ort?

Das kommt darauf an, wie man die Frage versteht: Grundsätzlich beeinflusst sie unsere Arbeit nicht, denn wir «arbeiten» ja nicht, sondern markieren internationale Präsenz. Wir sind immer in unseren Einsatzorten, solange dies nicht eine akute Lebensgefahr für unsere Leute darstellt. Natürlich betrifft aber auch uns eine Ausgangssperre, die zum Beispiel über Tulkarem verhängt wird. Das ist klar. Es ist aber nicht so, dass wir uns jedes Mal aus einem Ort zurückziehen, wenn das israelische Militär Panzer auffährt. Das Ziel unserer Arbeit ist, dort präsent zu sein, sehen und gesehen zu werden, wo die Welt eben nicht hinschaut, wo Journalisten selten hinfahren und israelische und palästinensische Menschenrechtsorganisationen aus verschiedenen Gründen nicht arbeiten können. In diesem Sinne erachte ich unsere Arbeit als wichtig und sinnvoll und kann bis jetzt von einem Erfolg sprechen.


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