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KRIEG UND FRIEDEN
Über die Entstehung des Krieges und des Kriegermythos
von David Buchmann, Christine Scheidegger | 20.06.07.

Wie entsteht menschliche Destruktivität und wie kommt es zu Krieg? Gute Fragen. Carola Meier-Seethaler kommt in ihrem Essay "Zur Pathogenese des Krieges und zum Mythos vom Krieger" zu interessanten Schlüssen.

Krieg hat es nicht immer gegeben - er ist keine Naturkonstante. Krieg ist bei verschiedenen Völkern unbekannt. Die biologische Kopplung von Aggression und Sexualität bei Männern ist nicht zwingend, sondern ein Kulturprodukt der patriarchalen Gesellschaft. So waren die antiken Kriegerkasten von lebensnotwendigen Tätigkeiten befreit. Sie bezogen ihr ganzes Selbstwertgefühl aus dem Kriegshandwerk, verachteten das Leben und die lebensnotwendige Arbeit und zettelten auch ohne Not Kriege an.

Aggressionen

Erich Fromm unterscheidet zwischen lebensfördernder Aggression zur Lebens- und Selbsterhaltung und todesverherrlichender Aggression in Form von lebensverachtender Destruktivität. Doch was macht den Traum von Herrschaft, von immer grösserem Reichtum und Macht so attraktiv, dass sich Menschen über alle natürlichen Tötungshemmungen hinwegsetzen und dabei auch das eigene Leben riskieren? Die lebensverachtende Aggression ist ein Symptom der Schwäche und nicht etwa ein animalisches Erbe oder eine genetische Eigenschaft von Männern. Sie entsteht aus der Nichtbefriedigung elementarer Grundbedürfnisse wie Lebenssinn und gesellschaftliche Nützlichkeit.

Woraus sollen Männer ihre eigene Würde beziehen und welchen heroischen Beitrag können sie zum Wohle der Gemeinschaft leisten, vergleichbar mit dem Kindergebären von Frauen? Das männliche Identitätsgefühl ist zutiefst mit dem Gewaltmonopol assoziiert. Ein Verzicht darauf kommt einer Selbstkastration gleich - obwohl der Durchschnittsmann unter der patriarchalen Kampfesideologie mehr gelitten als davon profitiert hat. Folglich braucht es eine tiefergehende Gender-Debatte und ein Nachdenken über andere männliche Vorbilder. Durch eine unmittelbare Einbindung in die Lebensprozesse könnten Männer auf den unsterblichen Ruhm teilweise verzichten. Lebensfördernde Tätigkeiten wie Leidverminderung, Steigerung der Lebensfreude in Kunst und Fest und eine intakte Weitergabe des Lebens sind den nekrophilen Ruhmestaten vorzuziehen.

Würdigung

Carola Meier-Seethaler greift wichtige Fragen auf und schlägt spannende Antworten vor. Der Essay über den Krieg liefert gute Argumente, weshalb der Krieg keine Naturkonstante ist und gibt Anregungen zur Emanzipation von Frauen und Männern.

Streitbar: Carola Meier-Seethaler

Carola Meier-Seethaler blieb als Frau trotz Doktortitel in Philosophie eine akademische Karriere verwehrt. Nach einem zusätzlichen Psychologiestudium arbeitete sie als Psychotherapeutin. Ihr wohl bekannteste Buch ist «Ursprünge und Befreiung. Eine dissidente Kulturtheorie». Daneben schrieb sie über ein Dutzend weitere Bücher. Zu ihrem 80. Geburtstag erschien eine Sammlung von Essays, aus der wir hier einen rezensieren.

Macht und Moral. 16 Essays zur Aufkündigung patriarchaler Denkmuster. Xanthippe Verlag. 2007.

Thema: Krieg und Frieden
Typ: GSoA-Newspaper
Ausgabe: 130

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