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ARMEEKRISE
Kaderschwäche verursacht Kanderunglück
von B. H. | 22.12.08.

Fünf Soldaten starben diesen Juni bei einer tragisch missglückten Kaderübung auf der Kander. Ein Angehöriger der betroffenen Kompanie berichtet.

Er sei ein Pazifist, sagt Frank*, trotzdem glaube er, dass man sich manchmal aktiv verteidigen müsse. Deshalb, und weil er wohl auch zu ehrlich sei, habe er es damals abgelehnt, den «blauen Weg» zu gehen. Seit seinem letzten WK jedoch möchte er die Armee verlassen und nie mehr etwas mit jenem Kader zu tun haben.

Von Anfang an zog Yves M. Saiten auf, welche sich die Soldaten aus früheren WKs nicht gewohnt waren. Der Drill und die Schikanen waren schlimmer und von weit tieferem Niveau als in der RS. Der Hauptmann stand die gesamte Zeit wie unter Strom, wirkte führungsschwach und handelte absolut irrational. Frank bezeichnet ihn heute als einen «extrovertierten Schweinehund», der über kein Quantum Anstand und Respekt verfüge. Yves M. ist Mitglied der Swiss Army Group (SAG), welche in der Freizeit «Militärsport» betreibt, der weit über Laufwettkämpfe hinausgeht. Frank fand es moralisch bedenklich, wenn jemand in seiner Freizeit derart vernarrt Krieg spielt. Er entschied sich, den WK durchzuziehen und wünschte sich, dass nichts passieren würde.

Aber ausgerechnet in diesem WK kam es zur Katastrophe.

Das Unglück

Am Morgen des 12.Juni ging Yves M. und sein Kader «bööteln». Plötzlich entstand eine Hektik in der Unterkunft, Soldaten rannten herum, Fahrzeuge kamen und gingen. Allerdings wusste zu diesem Zeitpunkt niemand genau, was passiert war. Beinahe das gesamte Kader befand sich ja auf den Booten. Eines der Fahrzeuge brachte einen unter Schock stehenden Oberleutnant zurück, bleich, zitternd und total durchnässt. Je länger je mehr kursierten erste Gerüchte über Tote, sowohl in der Kaserne als auch in den Medien.

Das Versagen

Im weiteren Verlauf tauchte Roland Nef auf und setzte dem Ganzen noch eins drauf, indem er eine Ansprache hielt und dabei die Aufrechterhaltung des Auftrages herausstrich. Zu jenem Zeitpunkt waren viele Dienstleistende schon seit mehr als zwei Wochen im Dienst. Und so entgleiste das Ganze langsam. Kaderleute, welche im Urlaub waren, rückten wieder ein und brachten noch mehr Unordnung in die Szenerie. Ein verlässlicher Dienstkollege von Frank erlitt einen psychischen Kollaps. Gestandene Männer brachen beim Frühstück in Tränen aus. Langsam realisierte die Truppe, was passiert war. Den WK abzubrechen zog immer noch niemand in Erwägung, auch wenn das Schlimmste passiert sei, was überhaupt denkbar ist: Soldaten starben in Friedenszeiten. Dann erschienen die Angehörigen vor Ort. Man schickte einen der Jüngsten, er solle die Angehörigen am Bahnhof abholen und an die Unglückstelle fahren. Auf den Tischen der Unterkunft standen einfach simple Kerzen, erst später brachten Soldaten eine Andachtstelle mit Blumen und ein Kondolenzbuch. Viele Soldaten beklagten den verloren gegangen Verstand und Anstand in der Armee. Die Militärjustiz begann die Soldaten einzeln zu verhören.

Erst zwei Tage später wurden die Soldaten beurlaubt. Die Soldaten warteten vor dem Abtreten noch fünf Stunden auf Bundesrat Schmid. Seine Rede endete mit den Worten: «Ihr habt bestimmt noch Fragen.» Darauf folgten fünf Minuten peinlichstes Schweigen. Niemand hatte Fragen, es war allen klar geworden, dass die Armee versagt hatte. Frank störte vor allem, dass niemand die Verantwortung übernahm und Fehler eingestand. Ein Major zog danach ein unglaubliches Fazit: Man müsse auch das Positive an so einem WK sehen!

Die Beisetzung

Und bei der Beisetzung wieder dieselbe Ignoranz.

Die Truppe wurde solange hingehalten, bis sich einer «freiwillig» für die Ehrengarde meldete. Nef warf mit Floskeln um sich, die Trauerfeier wurde zu einem Schaulaufen der VBS-Funktionäre. Die Angehörigen und Überlebenden, sowie die Truppe wurden nach der Predigt dem Blitzlichtgewitter ungeschützt ausgesetzt. Die hohen Kaderleute schienen von der Situation überfordert zu sein und übten sich stattdessen extrem schnell wieder in einem harschen Befehlston. Es fehlte ihnen schlichtweg an Menschlichkeit.

Zuhause erreichte Frank ein Brief mit einer Liste von Ansprechspersonen, welche man bei psychologischen Problemen kontaktieren solle. Auch hier reagierte die Armee zu spät, aber dieses Mal hoffentlich ohne Konsequenzen. Von einem Kollegen erfuhr Frank, dass das Kader mit Yves M. nach dem Unglück einen Grillplausch veranstaltete. Was soll man da noch sagen? Worauf kann man da noch anstossen? Frank sieht sicherlich nichts Positives an der Tragödie.

 

* Name von der Redaktion geändert.

 

Thema: Krieg und Frieden
Typ: GSoA-Newspaper
Ausgabe: 136

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