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ZIVILDIENST
Armee besorgt um ihre Existenz
von Felix Birchler | 31.10.09.

Weil immer mehr Zivildienstgesuche gestellt werden, ist die Armee besorgt. So sehr, dass ihr Chef sogar dem Parlament Vorwürfe macht.

Ein Vorgehen, wie man es aus Militärdiktaturen nur allzu gut kennt, hat Anfang September das neue VBS-Führungsduo an den Tag gelegt. In einem Interview bezeichnete Armeechef André Blattmann die Abschaffung der Gewissensprüfung als Zulassungsbedingung zum Zivildienst als «Betriebsunfall» und als «nicht zu Ende gedachte Regelung». Diesen Entscheid hat notabene das Schweizer Parlament getroffen. Wenige Tage später setzte VBS-Chef Ueli Maurer der Einmischung des Armeechefs in die demokratischen Gepflogenheiten unseres Landes die Krone auf, als er die Aussagen von Blattmann unterstützte und meinte, dass es rasche Korrekturen brauche. Dass sich dann auch gleich ein höriger SVPNationalrat fand, der mittels parl amentarischer Initiative eine Wiedereinführung der Gewissensprüfung forderte, konnte nicht mehr überraschen. Der Dienstweg im VBS geht offenbar so: Der Armeechef sagt dem Ueli, was er will und der Ueli sagt dann seinen SVP-Freunden, was sie im Parlament fordern sollen. Ist die Schweiz eine feldgrüne Bananenrepublik?

Eine Armee ohne Soldaten?

Die Armee hat offenbar Angst, dass ihr die Soldaten davonlaufen. Nicht zu Unrecht: Während des Jahres 2008 waren insgesamt 1946 Zivildienstgesuche gestellt worden. Seit dem 1. April 2009 gilt die 1.5 mal längere Dienst dauer als ausreichender «Tatbeweis», dass jemand einen Militärdienst nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Seit Anfang des Jahres sind nun bereits 4328 Gesuche gestellt worden. Man kann also davon ausgehen, dass bis Ende Jahr eine Verdreifachung oder Vervierfachung der Zivildienstgesuche stattgefun - den hat. Dies stösst dem Armeechef sauer auf. Die Schweizer Armee hat ihren Personalbestand in den letzten Jahrzehnten massiv reduziert. Heute umfasst sie rund 130’000 Aktive und 70’000 Reservesoldaten. Dies ist nur noch die Hälfte des Truppenbestandes von Anfang der 90er-Jahre. Und jetzt soll die Zunahme der gewissenhaften Zivildienstleistenden die ganze Stabilität der Armee ins Wanken bringen? Zwei mögliche Erklärungen für den Hilferuf von Blattmann und Maurer drängen sich auf. Erstens: Ueli Maurer will wirklich die Landigeist-Armee seiner SVP zurück und plant den Wiederaufbau eines Massenheeres. Zweitens: Jeder junge Mann erbringt mit seiner Armeeverweigerung den Tatbeweis, dass die Schweiz keine Armee braucht und die Energie junger Leute sinnvoller eingesetzt werden kann. Jedes Zivildienstgesuch ist somit ein weiterer Mosaikstein im Zukunftsbild einer armeelosen Schweiz. Dass die Armeespitze einer so massiven Zunahme von Zivis nicht tatenlos zuschauen will, ist vor diesem Hintergrund nicht überraschend.

Thema: Armee und Zivildienst
Typ: GSoA-Newspaper
Kategorien: Wehrpflicht, Zivildienst
Ausgabe: 140

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