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SOLDATEN IM GESPRÄCH
«Ein riesiger Hühnerhaufen»
von Adi Feller, Lucien Haug | 17.08.10.

Mit Simon und Marco, zwei (beinahe) ehemaligen Soldaten sprachen Adi Feller und Lucien Haug über den Alltag im Militär und die GSoA-Initiative zur Aufhebung der Wehrpflicht.

GSoA: Bei welchen Truppengattungen und wie lange habt ihr euren Militärdienst geleistet?

Simon: Ich war Sanitätssoldat in der RS und leiste meine WKs in der Krankenabteilung. Meine RS habe ich 2001 absolviert, und nächstes Jahr habe ich noch meine letzten 16 Diensttage.

Marco: Ich war ebenfalls ein Sanitäter, allerdings als Durchdiener, deshalb habe ich alle 300 Diensttage schon geleistet.

GSoA: Aus welchen Gründen habt ihr euch bei der Aushebung für den Militärdienst entschieden?

Simon: Das frage ich mich selber auch immer wieder. Ich hatte das Ziel, wenigstens etwas mehr oder weniger Sinnvolles zu machen als Sanitäter, etwas, was mir auch im Privaten etwas hätte nützlich sein können. Schlussendlich war es aber reine Bequemlichkeit, wieso ich da nie ausgestiegen bin.

Marco: Ich habe die Aushebung unterschätzt. Ich wollte gar keinen Dienst leisten, bin aber im Gespräch mit den Psychologen offensichtlich gescheitert. Der Zivildienst passte nicht in meine Zeitplanung und so entschied ich mich für die Sanitätstruppen.

GSoA: Wie läuft der Alltag im Militär ab? Welche Unterschiede gibt es zwischen RS und WK?

Simon: In meinem Fall gab es grosse Unterschiede. Mein Vorgesetzter in den WKs arbeitet in Zivil. Der ganze Umgangston ist nicht militärisch, das schätze ich sehr. Meine Arbeit besteht darin, die medizinische Versorgung zu gewährleisten, den kranken Rekruten Tee zu bringen. Viel zu tun hat man nicht, dafür viel Zeit, um Bücher zu lesen.

Marco: In der RS ist es schon anders. Morgens wird man um 5:30 Uhr zum Antrittsverlesen geweckt. Da müssen sich alle aufstellen und eine Viertelstunde Geschrei und Show über sich ergehen lassen.

Simon: Danach wird man zuerst in die eine Richtung geschickt und muss lange warten. Dann kommt ein gegensätzlicher Befehl und man rennt in die andere Richtung – und wartet wieder.

Marco: Wir mussten uns oft selber beschäftigen. Drei Monate meiner Dienstzeit habe ich die eigene Kaserne bewacht – so etwa das Sinnloseste, was man machen kann. Marco: Man stumpft richtiggehend ab, verfällt in eine Art Lethargie und fängt meist an zu rauchen... Das ist aber nicht bei allen so. Unser Zug hat sich im Laufe der RS in zwei Untergruppen gespalten, in Motivierte und Unmotivierte. Das war ziemlich beängstigend. Man konnte es nicht gerade «bekriegen» nennen, aber dieser Gruppendruck war schon recht hart.

Marco: Ja, und wenn einer etwas falsch machte, wurden wir kollektiv bestraft.

GSoA: Was ist für euch der grösste Unterschied zwischen dem zivilen und dem militärischen Leben?

Simon: Die Freiheit. Es ist jedes Mal ein schöner Augenblick, wenn ein WK zu Ende geht. Du kannst nach Hause gehen, tun und lassen was du willst, kannst dich anziehen, wie du willst, und essen, was du willst.

Marco: Die Privatsphäre. Im Militär gibt es keine Privatsphäre. Man ist schon froh, wenn man am Wochenende zu Hause sein kann, abschalten oder Freunde wieder sehen kann.

GSoA: Hat sich eure Einstellung gegenüber dem Militär während eurer Dienstzeit verändert?

Simon: Ich war von der Ausbildung zum Sanitäter sehr enttäuscht. Verbände binden und Infusionen stecken – viel mehr lernte man nicht. Meine Meinung über das Militär hat sich verschlechtert. Von aussen sieht die ganze Sache einigermassen organisiert aus. Doch es ist ein totales Chaos, ein riesiger Hühnerhaufen.

Marco: Das hat mich damals auch schockiert. Die Zusammenarbeit innerhalb der Armee, zwischen den Truppen und den verschiedenen Stellen, die Materialversorgung, ein heilloses Durcheinander.

GSoA: Was haltet ihr von der Initiative zur Aufhebung der Wehrpflicht?

Simon: Ich finde es eine sehr gute Sache. Ich habe die Initiative schon unterschrieben. Genau so sollte es sein. Man hätte die freie Wahl – ohne bestraft zu werden. Dazu wäre es auch für den Zivildienst eine Chance. Begrüssenswert!

Marco: Die Situation wäre viel besser als heute. Man kann auch ausserhalb dieses Zwanges sinnvolle Dinge tun.

GSoA: Hätte es unter euren Kollegen in der Armee genügend Soldaten gegeben, die bei einer Annahme der Initiative Militärdienst geleistet hätten?

Marco: Bei uns gab es angehende Medizinstudenten, die den Dienst aus diesem Grund leisteten – und das wahrscheinlich auch nach Abschaffung der Wehrpflicht täten.

Simon: Beim motivierten Teil unseres Zuges wäre das sicher der Fall gewesen, also etwa einem Drittel der Leute.

Thema: Armee und Zivildienst
Typ: GSoA-Newspaper
Kategorien: Wehrpflicht
Ausgabe: 143

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