Themen > Waffen ins Zeughaus!

SUIZIDPRÄVENTION
«Diese Menschenleben müssen es wert sein»
von Nina Regli | 19.02.11.

Mehr als 70 Organisationen unterstützen die Initiative für den Schutz vor Waffengewalt. Dazu gehören auch der Dachverband der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH, verschiedene Suizidpräventionsorganisationen und die Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie SGPP. Nina Regli hat sich mit Dr. med. Christian Bernath, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Vorstandsmitglied der SGPP, zum Gespräch getroffen.

GSoA-Zitig: Was ist die Motivation der SGPP, die Initiative zu unterstützen?
Bei uns haben zwei Gründe den Ausschlag gegeben: Erstens haben wir in unserer Arbeit ständig mit suizidgefährdeten Personen zu tun. Überdurchschnittlich viele junge Männer nehmen sich in der Schweiz mit einer Schusswaffe das Leben. Mit einem griffigeren Waffengesetz könnten wir die Suizidrate insgesamt senken. Zudem haben wir in unserer Arbeit immer wieder mit Opfern von häuslicher Gewalt zu tun. Dabei können Schusswaffen eine verheerende Rolle spielen.

Eine Person, die sich umbringen möchte, findet immer einen Weg. Was entgegnen Sie auf diese weit verbreitete Ansicht?
Viele Suizidversuche sind impulsiv, das heisst es sind Kurzschlusshandlungen. Die Menschen fühlen sich in einer ausweglosen Situation und können in diesem Moment nur noch an Suizid denken. Dabei befinden sie sich in einem anderen Bewusstseinszustand.
Wenn der Zugang zu Suizidmitteln erschwert wird, können viele dieser Kurzschlusshandlungen verhindert werden. Es gibt etliche Studien über Brückensuizide, bei denen erwiesen wurde, dass die Suizidrate nach einer Sicherung der Brücken insgesamt gesenkt wurde. Dabei fand keine Verlagerung auf andere Brücken statt. Dasselbe passierte in Australien und Kanada nach der Einführung eines strengeren Waffengesetzes. Die Suizidrate konnte ebenfalls gesamthaft gesenkt werden.

Auch ein Messer kann ein Suizidmittel sein. Worin besteht der Unterschied von Schusswaffen zu anderen Suizidmitteln?
Es gibt viel mehr Suizidversuche als vollendete Suizide; viele Menschen überleben einen Suizidversuch. Bei der Schusswaffe hingegen endet der Suizid fast immer tödlich. Die Schusswaffe weist im Vergleich zu anderen Suizidmitteln eine sehr hohe Sterblichkeitsrate auf.
In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder Patienten und Patientinnen, die froh sind, einen Suizidversuch überlebt zu haben. Beim Suizid geht es sehr selten um den Wunsch zu sterben. Suizid heisst vielmehr, dass man das momentane Leben nicht mehr möchte und daraus keinen anderen Ausweg mehr sieht. Aber Leute, die nach einem Suizidversuch eine therapeutische Begleitung bekommen, rennen nicht unbedingt zum nächsten Versuch. Im Gegenteil: Oftmals können Lösungen für die Probleme gefunden werden.

Wie viele Suizide könnten mit einem verschärften Waffengesetz in der Schweiz verhindert werden?
Wir rechnen damit, dass mit einem strengeren Waffengesetz in der Schweiz ungefähr hundert Suizide pro Jahr verhindert werden können. Diese hundert Menschenleben müssen es wert sein, für ein griffigeres Waffengesetz zu kämpfen. Die Verwahrung der Schusswaffe ist ein wichtiger Bestandteil der Suizidpräventionsarbeit. Wir müssen uns auch bewusst sein, dass bei jedem Suizid eine ganze Familie und ein Freundeskreis betroffen sind.

Sie haben die häusliche Gewalt erwähnt. Welche Rolle spielt die Schusswaffe dabei?
Ich habe in meiner Arbeit bereits viele betroffene Frauen erlebt, die über Jahre hinweg von ihren Partnern mit einer Schusswaffe bedroht wurden. Die Frauen leben permanent in grosser Angst. Oftmals sind dabei auch Kinder betroffen, die in diesem Umfeld aufwachsen müssen.

Es besteht doch bereits jetzt die Möglichkeit, in diesem Fall die Polizei anzurufen, um die Waffen einzusammeln.
Kaum eine Frau ruft die Polizei. Die meisten fürchten sich vor den Konsequenzen. Ihnen wird permanent eingeimpft: Wenn du etwas erzählst, bringe ich dich um. Das Problem ist nicht definitiv gelöst, wenn die Waffe weg ist. Aber die Waffe strahlt eine ungeheure Bedrohung aus. Wenn dieses Bedrohungspotential gesenkt werden kann, kann die Lebenssituation der Betroffenen massiv verbessert werden.

 


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