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MILITÄRINTERVENTION IN LIBYEN
Wie Naima den Diktator besiegte
von Andreas Weibel | 17.08.11.


Vorsicht Fiktion!

Als AntimilitaristInnen stehen wir immer wieder vor der Frage: Was tun angesichts eines drohenden Massakers, wie es Muammer Gaddafi in Bengasi ankündigte? Ist eine militärische Intervention wirklich die einzige Option? Wir wagen eine Antwort darauf zu geben, indem wir einen alternativen Ablauf der Geschichte Libyens nach dem 13. Februar - dem Tag des Beginns des Bürgerkrieges - skizzieren.

Mehr zur Theorie und Praxis des zivilen Widerstands findet sich in den Büchern des US-amerikanischen Politologen Gene Sharp, die auch in Ägypten zirkulierten. Unter anderem findet sich dort eine "nicht abschliessende Liste von 198 Methoden des gewaltfreien Widerstands".


Wie hätte sich die Geschichte entwickelt, wenn die libysche Opposition anstatt zu den Waffen zu greifen systematisch die Optionen des gewaltfreien Widerstandes für sich genutzt hätte, wie es auch in Ägypten passierte? Ein kontrafaktisches, fiktives Gespräch.

Wir trafen Naima in der Wohnung ihrer Mutter in Al-Berka, einem Quartier zwischen Bengasis dritter und vierter Ringstrasse. Im Treppenhaus roch es nach grillierten Auberginen, jemand kochte Baba Ganusch. Naima erzählte von ihrem Studium, zuerst an der Garyounis-Universität in ihrer Heimatstadt, danach an der Amerikanischen Universität in Kairo. Die Wohnung war vollgestellt mit Büchern, Stapeln von Flugblättern und zusammengerollten Transparenten. Naima entschuldigte sich wortreich für die Unordnung.

Wir hatten Naima in Berlin kennengelernt. Sie hatte wie wir an einem Austauschprogramm teilgenommen, das die Heinrich-Böll-Stiftung organisiert. Jedes Jahr trafen sich dort junge Leute aus aller Welt, um über Demokratie und soziale Gerechtigkeit zu diskutieren.

Schon während Wochen hatte die libysche Jugend, angeführt von Schriftstellern und Menschenrechtsanwälten wie Fathi Terbil, für ein Ende der Diktatur Gaddafis und einen demokratischen Neubeginn demonstriert. Inspiriert von den erfolgreichen Aufständen in Tunesien und Ägypten hatte die Bewegung für den 17. Februar - den Donnerstag nach dem Rücktritt Hosni Mubaraks - zu einem «Tag des Zorns» aufgerufen. Die Antwort Gaddafis war kompromisslos: Die Armee feuerte mit scharfer Munition auf die Demonstrationen, verhaftete führende Köpfe der Opposition.

Naima, welche Bedeutung hatte der 17. Februar?

«Jener Tag war entscheidend. Wäre die Bewegung an jenem Tag der Versuchung erlegen, zu den Waffen zu greifen, wäre unser Land in einem blutigen Bürgerkrieg versunken. Nachdem Gaddafi die Munitionslager und Kasernen geöffnet hatte, waren Kalaschnikows und Panzerfäuste für alle zugänglich. Das war eine Falle des Diktators: Der Diktator wollte den Aufstand auf der militärischen Ebene austragen, dort wo er am stärksten war. Er wusste, dass das seine einzige Möglichkeit war, um sich an der Macht zu halten.

Wir hatten uns aber darauf vorbereitet. Schon seit Monaten hatten sich die verschiedenen Oppositionsgruppen getroffen und über Strategien zum Sturz des Regimes diskutiert. Wir analysierten die Stärken und Schwächen unseres Gegners. Wir beschlossen, unsere Bewegung gewaltfrei zu gestalten. Nicht aus pazifistischer Überzeugung, sondern weil es das effizienteste Mittel war, um das Ende der Diktatur herbeizuführen.»

Welche Methoden habt Ihr dabei verwendet?

«Wir hatten beschlossen, uns der Repression Gaddafis nicht entgegenzustellen, sondern ihr auszuweichen, sie sogar für uns zu nutzen. Wir nannten das „politisches Jiu-Jitsu". Als einer unserer Kollegen von einem Nachbarn beim Geheimdienst verraten und ins Gefängnis geworfen wurde, hat sich die halbe Stadtbevölkerung selbst beim Geheimdienst angezeigt. Mit dieser Methode konnten wir den Polizei- und Überwachungsapparat lahmlegen, denn die Sicherheitsdienste konnten aus den Tausenden Meldungen nicht mehr die richtigen Denunzianten herausfischen.

Als Demonstrationen aus Sicherheitsgründen nicht mehr möglich waren, haben wir als Zeichen der Entschlossenheit Aktionen des "kollektiven Verschwindens" durchgeführt. Anstatt wie bei einer Kundgebung eine grosse Menschenmenge zu versammeln, geschieht dabei genau das Gegenteil: Zu einem bestimmten Zeitpunkt bleibt die ganze Bevölkerung zuhause. Kaum etwas ist für die Obrigkeit bedrohlicher, wie wenn ein normalerweise überfüllter, lärmiger Markt plötzlich menschenleer und still ist. Vorallem aber hilft es den Menschen zu erkennen, dass sie nicht alleine mit ihrer Unzufriedenheit sind, sondern dass die grosse Mehrheit der Bevölkerung auf ihrer Seite ist. Wir haben in strategisch wichtigen Einrichtungen auch Streiks organisiert, in den Öl-Förderanlagen von Sarir, Nafura und Misla beispielsweise oder in den Verladehäfen an der Küste. Es ging uns dabei nicht bloss darum, das Regime finanziell zu schwächen. Sondern wir wollten mit den Streiks ein Zeichen setzen, dass die Diktatur nicht mehr allmächtig ist, dass ihr die Kontrolle langsam entgleitet.

Das Wichtigste war, dass es uns gelang, den Glauben an die Autorität und Legitimität des Regimes zu untergraben. Je härter die Anordnungen Gaddafis wurden, desto weniger Leute waren bereit, sie zu befolgen. Als Gaddafi anordnete, auf Unbewaffnete zu schiessen, verweigerten die meisten Soldaten den Befehl. Wenn wir am 17. Februar die Kalaschnikows aus den Kasernen geholt hätten, wäre das nicht geschehen. Wenn sie das Gefühl haben, ihr eigenes Leben zu verteidigen, sind die meisten Menschen bereit zu töten. Sie wollen lieber zuerst abdrücken. Aber auf unbewaffnete Brüder und Schwestern zu zielen, wagte kaum einer.»

War das eine Lehre aus den Ereignissen in den Nachbarländern Libyens?

«Natürlich standen wir mit unseren Freundinnen und Freunden in Tunesien und Ägypten in Kontakt, tauschten unsere Erfahrungen aus, lernten aus ihren Erfolgen und Niederlagen. Ihre Strategie, sich mit den Soldaten zu solidarisieren - im Bewusstsein, dass die Armee gleichzeitig vereinzelt Gräueltaten gegen die Protestierenden beging - haben auch wir an angewendet. Aber wir haben auch die demokratischen Kämpfe in ganz anderen Regionen studiert: Die Methode, den Sicherheitsapparat mit unzähligen Falschmeldungen und Selbstanzeigen lahmzulegen haben wir von der indischen Unabhängigkeitsbewegung kopiert. Das "kollektive Verschwinden" ist eine Taktik, welche die burmesische Opposition erfunden hat.»

Viele Menschen starben in dieser Zeit. Weshalb ist Eure Trauer und Wut nie in Gewalt umgeschlagen?

«Jedes Opfer ist eines zu viel. Gewaltfreier Widerstand erfordert Mut, Cleverness, Organisation, Disziplin und Opferbereitschaft - mindestens so sehr wie bewaffneter Widerstand. Vorallem für junge Männer war es nicht einfach zu verstehen, dass es heldenhafter und effizienter ist, nicht zur Waffe zu greifen, als die Soldaten der Regierung mit Waffengewalt zu bekämpfen. Das Regime hat den Militarismus - die Vorstellung, dass die Macht aus einem Gewehrlauf kommt - tief in uns eingeprägt. Selbst bei den Gewerkschaftern und Sozialisten herrschte früher das Bild, dass ein Revolutionär eine Waffe in der Hand halten müsse - obwohl es in den letzten fünfzig Jahren immer die gewaltfreien Aufstände waren, welche die autoritären Machthaber gestürzt haben. Übrigens tragen auch die westlichen Medien und Regierungen zu dieser Vorstellung bei. Kriegsfilme gibt's zuhauf, aber habt Ihr schon mal einen Film über die Helden der Revolutionen gegen die kommunistischen Diktaturen in Osteuropa gesehen?

Natürlich hat es viel Energie gekostet, das den Menschen zu erklären. Aber auch hier haben wir viel von der indischen Unabhängigkeitsbewegung gelernt. Wir haben uns zuerst nur kleine Ziele gesetzt. Zum Beispiel erreichten wir mit einer Sitzblockade die Freilassung einer Mutter und ihres Kindes aus dem Gefängnis. Schritt für Schritt sahen die Leute die Effizienz des zivilen Widerstands und verloren mithilfe der konkreten Erfahrungen die Angst vor der Repression. Wir haben Festivals für traditionelle Musik und Dichtung organisiert. Auf den ersten Blick gänzlich apolitisch. Aber so ist es uns gelungen, uns Räume anzueignen, auf die das Regime keinen Zugriff hatte.»

Das Ausland hat Gaddafi gedroht, in Libyen auf Eurer Seite militärisch zu intervenieren. Warum habt Ihr Euch dagegen gewehrt?

«Die Propaganda des Regimes hat Stimmung gemacht gegen die Intervention. Dem imperialistischen Westen gehe es nur um den Zugang zu unseren Ölvorkommen. Und für einmal hatte die Propaganda recht: Natürlich ging es Frankreich und Grossbritannien nicht um Demokratie und Menschenrechte. Wie sollten wir diesen Staaten vertrauen, sie hatten immerhin während Jahren das Regime hofiert; ihm diejenigen Waffen geliefert, mit denen Gaddafis Soldaten nun auf uns schossen.

Die Kundgebungen gegen die bevorstehende Intervention, die sowohl in unserem Land wie auch in vielen Städten Europas stattfanden, verunmöglichten es den westlichen Regierungen aber, mit einem moralischen Vorwand in einen Krieg um unser Öl zu ziehen. Hätten diese Länder eingegriffen, wäre das für Gaddafi eine perfekte Gelegenheit gewesen, die Reihen wieder zu schliessen, um den "Angriff von aussen" abzuwehren.»

Wie kam das Ende des Regimes?

«Nachdem regierungstreue Militärs in Tripolis vor laufender Kamera zwei Oppositionelle töteten, war das Fass voll. Die Beerdigung der Opfer wurde zum Fanal des Despoten. Weitere Kreise schlossen sich uns an und begannen ihre Angst vor der Repression zu überwinden. Bankbeamte verschleppten Zahlungen der Regierung. Lebensmittelhändler lieferten unter fadenscheinigen Begründungen nicht mehr an die Sicherheitskräfte. Selbst die Chauffeure der Minister leisteten nur noch Dienst nach Vorschrift.

Es zeigte sich, dass Gehorsam seine Grenzen hat und diese Grenzen sind fliessend. Die Mächtigen sind sich Gehorsam gewohnt. Wenn er ausbleibt, sind sie verwirrt und hilflos. Das alte System implodierte schlussendlich von einem Tag auf den anderen, schneller als sich das jemand vorgestellt hatte. Nachdem ihn auch noch die letzten Günstlinge verlassen hatten, floh Gaddafi mit seiner Entourage ins Exil nach Italien.

Wie sieht die Zukunft aus?

«Wir haben noch viel Arbeit vor uns. Aber die Nachbarschaften und Dörfer haben bereits vieles in die Hand genommen, was das Regime vorher vernachlässigt hatte, die Schulen, Kultur, Gesundheitsversorgung. Wir haben die Uno um Hilfe gebeten bei der Organisation von Wahlen nächsten Frühling. Wir wollten die Bomben und Granaten der internationalen Gemeinschaft nicht. Davon haben wir selbst genug. Für Unterstützung beim Aufbau einer Zivilgesellschaft und funktionierender rechtsstaatlicher Institutionen sind wir aber sehr dankbar.

Wir sind im Kontakt mit den Bewegungen in Syrien, Bahrain und Jemen. Auch sie wollen das Joch der Diktatur abschütteln und aus unseren Erfahrungen lernen. Mit jeder Revolution wird der Werkzeugkasten des zivilen Widerstands vielfältiger und effizienter. Aber auch in ganz anderen Regionen kämpfen und arbeiten die Menschen für mehr Demokratie. In Spanien und Italien zum Beispiel, oder in Wisconsin, selbst in Papua-Neuguinea. So geht die Idee der Gewaltfreiheit um die Welt. Gandhi hatte sich von russischen Philosophen inspirieren lassen und die Ideen in Südafrika getestet und später in Indien perfektioniert. Die Revolutionäre in Osteuropa haben davon gelernt und wir wieder von ihnen. Wir sind stolz, in dieser Tradition zu stehen und sie weiterzutragen. Nun ist es auch an Euch Europäern, den Kampf für die Demokratie aufzunehmen und fortzuführen.»

Thema: Krieg und Frieden
Typ: GSoA-Newspaper
Kategorien: Naher Osten
Ausgabe: 147

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