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KONFLIKTFORSCHUNG
Das Zeitalter der Kriege geht zu Ende
von Andreas Weibel | 20.11.12.

Noch nie in der Geschichte starben weniger Menschen durch bewaffnete Konflikte und Gewalt als heute. Und es gibt keinen Hinweis, dass dieser Trend sich nicht fortsetzen wird. Die Friedensbewegung ist sich nicht bewusst, wie wirksam sie ist, wenn man nicht nur die kurzfristigen Niederlagen, sondern ihre langfristigen Erfolge betrachtet.

Bürgerkrieg in Syrien, Selbstmordattentate in Afghanistan, Gewalt in Mali: Die täglichen Schlagzeilen aus Konfliktregionen erwecken den Eindruck, dass die Menschheit immer mehr in einer Spirale der Gewalt versinkt. Die brutalen Bilder verzerren jedoch unseren Blick auf eine Entwicklung, die seit Jahrhunderten anhält: Die Wahrscheinlichkeit, Opfer von Krieg und Gewalt zu werden, hat im Laufe der Zeit drastisch abgenommen.

Viele HistorikerInnen, FriedensforscherInnen und KriminologInnen haben erforscht, wie verbreitet Gewalt zu bestimmten Zeiten in verschiedenen Regionen war. Besonders umfassende Daten haben beispielsweise die Forschungsinstitute SIPRI in Schweden oder PRIO in Norwegen zusammengetragen. Die Zahlen sind für viele überraschend, aber eindeutig: Trotz den beiden Weltkriegen und Genoziden wie in Ruanda und im ehemaligen Jugoslawien sind im 20. Jahrhundert im Verhältnis zur Weltbevölkerung weniger Menschen in bewaffneten Konflikten gestorben als je zuvor. Auch die verbreitete Annahme, dass es seit dem Ende des Kalten Krieges zu einer Zunahme von asymmetrischen, ethnischen oder innerstaatlichen Konflikten gekommen sei, ist empirisch falsch - das Gegenteil ist der Fall.

Weltweite Entmilitarisierung

Die Vorstellung, dass es eine Ehre ist, seine Söhne für das Vaterland oder für eine Ideologie zu opfern, ist heutzutage weniger verbreitet als je zuvor. Der Grad der Militarisierung hat in fast allen Gesellschaften massiv abgenommen, von Südamerika über Asien bis Afrika. Die einzigen Regionen, in denen die Entwicklung noch nicht eingesetzt hat, sind der Nahe und Mittlere Osten sowie Teile von Nord- und Zentralafrika. Am bemerkenswertesten ist die Entmilitarisierung Europas. Ein Besucher aus früheren Zeiten würde sich im heutigen Europa fragen: «Wo sind all die Soldaten geblieben?» Die Bestrebungen zum Aufbau einer EU-Armee sind bedauerlich. Die Ursache dieser Pläne ist jedoch positiv: Europas nationale Streitkräfte wurden in den letzten 60 Jahren laufend verkleinert. Kaum ein Land auf unserem Kontinent kennt mehr die Wehrpflicht.

Weshalb ist die Gewalt weltweit im Rückgang begriffen? Der Soziologe Nobert Elias führte die Entwicklung auf einen fortschreitenden Prozess der «Zivilisierung» zurück. Die Menschen lernten immer besser ihre Impulse zu zügeln, empathisch zu handeln und Probleme rational zu lösen. Andere, wie MIT-Professor Steven Pinker, erklären das fortschreitende Verschwinden von Kriegen ökonomisch. Es sei heute schlicht kostengünstiger mit einem Land Handel zu betreiben als es zu besetzen.

Es gibt noch einen weiteren Grund dafür, dass das militärische Denken an Boden verliert. Geschichte geschieht nicht einfach, sie wird gemacht. Seit Generationen setzen sich Menschen für Frieden, Abrüstung und Verständigung ein. Der Erfolg dieses steten Kampfes lässt sich kaum überschätzen. Es ist beispielsweise einzig den massiven Protesten vor dem Irakkrieg zu verdanken, dass Flächenbombardements gegen zivile Ziele in jenem Krieg undenkbar waren - im Gegensatz zum Vietnamkrieg wenige Jahrzehnte zuvor.

Es bleibt viel zu tun

Trotz allem Optimismus: Es bleibt noch viel zu tun. Auch in der Schweiz können wir unseren Beitrag leisten, dass sich der Frieden im Nahen Osten durchsetzt. Ein Ende der militärischen Zusammenarbeit und der Waffenexporte in die Region wäre ein erster Schritt. Es ist unsere Verantwortung, den Militärköpfen in unserem Land Widerstand zu leisten und aufzuzeigen, dass die Zeit der Armeen unwiderruflich am Ablaufen ist. Die Wehrpflichtinitiative ist ein Weg dazu, ebenso das Engagement gegen neue Kampfjets und gegen die Asylrechtsrevision.

Thema: Krieg und Frieden
Typ: GSoA-Newspaper
Ausgabe: 152

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