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KOLUMBIEN
Auf dem Weg zum Frieden?
von Nora Komposch | 01.04.14.

Zwei Aktivisten der kolumbianischen Organisation ACOOC (Acción Colectivade Objetores y Objetoras de Conciencia /Kollektive Aktion der KriegsverweigerInnen aus Gewissensgründen) besuchten die GSoA in Bern und berichteten über die Militarisierung und politische Situation ihres Landes.

Das Militär spielt in der kolumbianischen Gesellschaft eine zentrale Rolle. Über 6 Prozent des BIPs gibt Kolumbien für die Armee aus und steht damit an der Spitze der Staaten Lateinamerikas. Es besteht eine allgemeine Wehrpflicht von 18 Monaten für alle Männer. Die militärische Aushebung läuft in Kolumbien auf besonders drastische Weise ab: Mehrmals pro Jahr fahren die Militärs mit Lastwagen durchs Land und kontrollieren die jungen Männer, ob sie ein «libreta militar», also einen Militärausweis besitzen. Diesen erhält man das Absolvieren des Militärdienstes oderdurch ein illegales aber allgemein anerkanntes Bestechungsgeld von bis zu 5000 Dollar. Die kolumbianischen Rekruten stammen deshalbmeist aus ärmeren Schichten. Jeder Mann, der keinen solchen Ausweis vorweisen kann, wird kurzerhand in den Lastwagen gepackt und in die Kaserne verfrachtet. Ohne «libreta militar» ist es für Männer zudem unmöglich, einen Universitätsabschluss zu erlangen, oder eine geregelte Arbeitsstelle zu bekommen. Nach über 50 Jahren bewaffnetem Konfliktzwischen der Regierung und den Guerillaorganisationen FARC und ELN sollen die Waffen nun endlich schweigen. Die 2012 auf Kuba begonnenen Friedensverhandlungen zwischen FARC und Regierung dauern an. Zudem verhandelt jetzt auch die ELN in Friedensgesprächen mit der Regierung. Über Weihnachten kündigte die FARC einen Waffenstillstand an, um der Bevölkerung und der Regierung zu zeigen, dass sie es ernst meint mit dem Frieden. Die Regierung liess sich jedoch nicht auf einen beidseitigen Waffenstillstand ein und übte weitere Angriffe auf die Guerillas aus.

Aktive Kriegsdienstverweigerer

Die kolumbianische Bevölkerung ist nach all den Konfliktjahren des Krieges müde und wünscht sich mehr denn je den Frieden. Die ACOOC sieht die jetzigen Friedensverhandlungen als idealen Zeitpunkt, die eigene Organisation bekannter zu machen und die Militärordnung des Landes zu verändern. Bis heute gibt es in Kolumbien keinen Zivildienst. Jetzt wäre der ideale Zeitpunkt, eine Alternative zum obligatorischen Militärdienst einzuführen. Dies ist eines der nächsten Ziele der ACOOC. Vor einigen Jahren hat die Organisation begonnen, Dienstverweigerer-Ausweise zu verteilen. Mit diesen können sich die Männer bei einer allfälligen Militärkontrolle ausweisen und so direkt klar machen, dass sie den Kriegsdienst verweigern und organisiert sind. Das Militär schreckt meist davor zurück, solche Männer zu zwangsrekrutieren, da es nachfolgende Proteste der Organisation fürchtet. Die ACOOC hat es nun auch erstmals geschafft, mit einem offiziellen Regierungsmitglied, nämlich dem Bürgermeister eines Distrikts von Bogotá, zusammenzuarbeiten: Mit ihm versucht sie, die Bevölkerung dieses Distrikts zu sensibilisieren und vor der Zwangsrekrutierung per Lastwagen zu schützen, indem siesogenannte «Zonas de Batidas» definieren, wo dieses willkürliche Verfahren verboten sein soll. Kolumbien ist geprägt durch ein paradoxes Nebeneinander von Massenmobilisierungen und der Herrschaft einer politisch-wirtschaftlichen Oligarchie. Soziale Bewegungen und NGOs, wie die ACOOC, verstärken die basisdemokratische Partizipation der Bevölkerung und spielen je länger je mehr eine wichtige Rolle im Kampf gegen die organisierte Gewalt. Weitere Informationen zu ACOOC unter http://objetoresbogota.org

Thema: Krieg und Frieden
Typ: GSoA-Newspaper
Kategorien: Menschenrechte
Ausgabe: 157

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