Themen > Krieg und Frieden

INTERVIEW
Wir tun es, um Menschenleben zu retten!
von Jannik Böhm | 09.06.15.

Angie Zelter (geboren am 5. Juni 1951) ist eine Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsaktivistin. Sie hat unzählige nationale und internationale Kampagnen ins Leben gerufen. Wir haben Angie diesen März in Burghfield an der Blockade der Atomwaffenfabrik AWE kennengelernt (zur Aktion siehe Artikel unten). Sie ist bekannt für unkonventionelle gewaltfreie Aktionen. Sie definiert sich als Weltbürgerin und ist Autorin verschiedener Bücher über gewaltfreien Widerstand und konkrete Kampagnen.

Neben unzähligen anderen Themen engagierst du dich in herausragender Weise gegen die Rüstungsindustrie. Wie kam es dazu?

Das hat mich schon immer beunruhigt. Ich finde es abscheulich, dass Leute ihr Geld damit verdienen, Waffen an Regimes zu verkaufen, im Wissen, dass diese für repressive Zwecke oder zur Ausbeutung anderer Länder eingesetzt werden. Ich habe in den 90er-Jahren von Osttimor gehört und wie das indonesische Militär mit Hawk-Jets ganze Ethnien auslöschte. Mit Jets, die in Grossbritannien hergestellt wurden. Also habe ich mich einer Gruppe von Frauen angeschlossen und wir haben uns dafür entschieden einen Jet zu entwaffnen, um zu verhindern, dass er nach Indonesien exportiert wird. Wir waren eine Gruppe von zehn Frauen und haben uns ein Jahr lang auf die Aktion vorbereitet.

Erzähle uns mehr davon!

Von den zehn Frauen konnten es nur vier riskieren, festgenommen zu werden. Die anderen sechs konnten sich das aus unterschiedlichsten Gründen nicht leisten. Sie trugen Verantwortung für kleine Kinder oder konnten das Risiko aus beruflichen Gründen nicht eingehen. Wir haben entschieden, wer was macht – drei sind in das Gelände, auf dem der Jet stand, eingedrungen. Ich bin draussen geblieben und habe die Pressearbeit gemacht. Wir vier waren offenkundig an der Aktion beteiligt und haben die Verantwortung dafür übernommen. Die anderen sechs haben eine Menge Unterstützung geleistet, sind aber im Verborgenen geblieben. Wir haben das Kampfflugzeug entwaffnet, indem wir mit einem Hammer sensible Instrumente unbrauchbar gemacht haben. Daher konnte das Flugzeug nicht nach Indonesien exportiert werden und beim Völkermord in Osttimor zum Einsatz kommen.

Dafür hättest du ins Gefängnis kommen können...

Wir vier hätten für zehn Jahre ins Gefängnis wandern können, ja. Meine Kinder waren damals schon an der Uni. Das war also nicht das Problem. Und ich war ja auch schon ein paarmal im Gefängnis gewesen. Ich wusste also, was auf mich zukommt. Ich dachte mir, ich würde die Zeit einfach für Bildung nutzen. Eine neue Sprache lernen.

Warst du überrascht, als ihr freigesprochen wurdet?

Ja und nein. Ich glaube, ich war die einzige der Seed of Hope-Frauen die von Beginn an gesagt hat, dass wir damit durchkommen könnten, da ich bereits viel Erfahrung im Gerichtssaal hatte. Ich habe darauf beharrt, dass wir alles akribisch dokumentieren. Wir hatten ein Pamphlet und ein Video erstellt, das den Geschworenen und der Öffentlichkeit alles erläuterte. Und wir haben die richtige Sprache benutzt: Ich habe gesagt, redet nicht von Sachbeschädigung, redet von Entwaffnung des Kampfjets. Sagt nicht, dass es um die Öffentlichkeit gegangen sei – das ist nicht der Grund, warum wir es tun. Wir tun es, um Menschenleben zu schützen, um zu verhindern, dass dieser Kampfjet in einem Völkermord eingesetzt wird. Es geht also um Verbrechensbekämpfung.

Hast du noch weitere solche Aktionen gemacht?

Wir haben viele Aktionen als «Trident Ploughshare» gemacht. Ich war fünf Monate in Untersuchungshaft nach einer ähnlichen Aktion gegen Teile des britischen Atomwaffenprogramms Trident. Drei von uns haben sich ein Boot geschnappt und sind in ein schwimmendes Trident- Testlabor auf Loch Goil eingedrungen. Das Testlabor war ein unverzichtbares Teilsystem, das Trident erst einsatzfähig machte. Wir haben das ganze Labor ausgeräumt und sämtliches Mobiliar über Bord geworfen. Dann haben wir unsere Hämmer hervorgeholt und uns dem Rest angenommen. Das Labor war danach unbrauchbar und wir haben damit ein entscheidendes Glied in der Kette des Atomwaffentestsystems zerstört.

Und erneut wurdet ihr freigesprochen?

Ja. Unsere Aktion gründete auf der moralischen und juristischen Prämisse, dass das britische Atomwaffenprogramm Trident ein Waffensystem ist, welches den Massenmord an unschuldigen ZivilistInnen vorbereitet. Als liebende, fühlende menschliche Wesen fühlen wir uns dazu verpflichtet, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um zu verhindern, dass dieses Waffensystem zum Einsatz kommt. Unsere Aktion war zu jedem Zeitpunkt sicher, gewaltfrei, und wir tragen die volle Verantwortung dafür.

Also war es nicht nur legitim, sondern auch legal, was ihr gemacht habt?

Richtig! Alle Aktionen von Trident Ploughshare basieren auf internationalem Recht. Es ist illegal, sich auf Kriegsverbrechen vorzubereiten. Es ist ein Kriegsverbrechen, Waffen einzusetzen, die nicht zwischen zivilen und militärischen Zielen unterscheiden können und zudem die Umwelt über Jahrzehnte in Mitleidenschaft ziehen. Trident, das ist nuklearer Terror, und die Nato ist eine terroristische Vereinigung, wenn sie mit dem Einsatz von solchen Massenvernichtungswaffen droht. Alle meine Aktionen sind gewaltfrei und entsprechen dem Völkerrecht. Wenn eine Regierung das Völkerrecht nicht einhält, hast du als BürgerIn das Recht zu handeln, um Kriegsverbrechen zu verhindern. Das geht aus den Nürnberger Prinzipien hervor.

Thema: Krieg und Frieden
Typ: GSoA-Newspaper
Kategorien: Atomwaffen
Ausgabe: 162

Share: