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BERICHT
P wie Papperlapapp
von Nico Lutz | 01.11.98.

Es ist doch ganz einfach: Die moderne Führungskultur, wie sie Korpskommandant Jaques Dousse für die Armee fordert, basiert auf den «drei P» (ASMZ 2/98). P wie Patron, also entscheidungsfreudige, charismatische und kommunikative Vorgesetzte; P wie professionell, das heisst präzise Vorbereitung, methodisch motivierender Ablauf; schliesslich P wie Perfektion, das heisst Streben nach Vollkommenheit. Ganz abgesehen davon, was man vom Tripel-P des Heereschefs hält: Bis heute sind seine Vorstellungen ein Wunschkatalog.

Ohne nutzlosen Drill, nur noch mit moderner Erwachsenenbildung: So präsentiert sich das Departement Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport gerne. Und viele Reformgläubige spüren ihn schon, den frischen Wind. Die Realität in den Rekrutenschulen ist eine andere.

Sabotage!

Stefan Meichtry hat diesen Sommer in Moudon seine RS als Spitalsoldat absolviert. Er rückte ohne grosse Begeisterung ein, aber mit der Absicht, seine Pflicht zu tun. Am 12. August veröffentlichte der Walliser Bote auf der Jugendseite (Juse) einen Text von Meichtry (siehe nebenan), in dem er seinen Militäralltag beschreibt und seine Meinung über die Rekrutenschule klar zum Ausdruck bringt.

Die Veröffentlichung hatte für den Rekruten Konsequenzen: Gemäss Walliser Boten musste Meichtry bei seinen militärischen Vorgesetzten wiederholt antanzen. Der Major interessierte sich allerdings in erster Linie für detaillierte Angaben über den geschilderten Drogenkonsum in der Truppe. Lauthals zusammengestaucht wurde er hingegen von einem Oberst einer anderen Einheit, der von Sabotage sprach. Von Mitrekruten erhielt Stefan Meichtry nur positive Echos. Erstaunlich wenig Reaktionen trafen beim Walliser Boten ein. «Die meisten schweigen und stimmen damit zu», bilanzierte Meichtry. Noch während der RS hat er schliesslich ein Zivildienstgesuch eingereicht. Am 22. September wurde sein Gesuch gutgeheissen, zwei Tage später wurde er aus der Armee entlassen.

Ein Mitarbeiter der Jugendseite des Walliser Boten, der diesen Sommer auch in der Rekrutenschule weilte, wollte ebenfalls über seine Erfahrungen berichten. Doch die militärischen Vorgesetzten bekamen Wind vom geplanten Artikel. Sie drohten ihm mit der Eröffnung eines militärgerichtlichen Verfahrens, falls er den Artikel schreibe. Sie behaupteten, das Gleiche blühe Stefan Meichtry. Diese Drohung ist rechtlich völlig haltlos, Meichtry musste keineswegs vor einem Militärgericht antraben. Trotzdem verfehlten die Einschüchterungsversuche ihre Wirkung nicht: Der Juse-Mitarbeiter verzichtete darauf, seinen Artikel im Walliser Boten zu veröffentlichen.

Kein Wunder, dass die Armee wenig Interesse an Erlebnisberichten aus dem Militäralltag hat. Denn zwischen Anspruch, wie ihn der Heereschef Dousse formuliert und der Realität liegen Welten.
Eben: P wie Papperlapapp.

 

Hirnlose Kampfmaschinen

Ich bin auf gar keinen Fall der richtige Rekrut um weiterzumachen. Ich betrachte das Militär als mit Abstand den schlechtesten Weg, um Kriege zu verhindern. Kriege entstehen durch Angst um den Verlust der zur Deckung der Grundbedürfnisse nötigen Ressourcen. Und somit ist das Militär nur ein Mittel zur Symptombekämpfung.

Ich habe zu Beginn in Betracht gezogen, Zivildienst zu leisten. Dann bin ich doch eingerückt, weil ich dachte, dass man als Spitalsoldat noch etwas Nützliches lernen könnte. Leider wurde ich enttäuscht.

Ich bin gegen jede Art von Gewalt. Sei es nun physische oder psychische. Mir missfällt die Art und Weise, mit der in der Armee Gewalt glorifiziert wird.

Mein Körper signalisiert mir, dass das Militär überhaupt nicht zu mir passt: Mein Magen spielt verrückt. Ich habe oft Nasenbluten und fühle mich schlapp. Hinzu kommen plötzlich auftretende, depressionsartige Zustände, hervorgerufen durch den gefängnismässigen Tagesablauf.

Obwohl strikte verboten, werden Drogen in der RS in rauhen Mengen konsumiert. Nicht nur Alkohol und Nikotin! Durch die unproduktiven und langweiligen Wartezeiten wächst das Gefahrenpotential, vom harmlosen Passivraucher zum süchtigen Aktivraucher zu werden. Und schlimmer.

Kurz: Mir ist das Militär zu trocken, zu stur und zu hierarchisch. In seiner Funktionsweise hat es sogar Ähnlichkeiten mit dem Nationalsozialismus. «Wenn du es so machst, wie sie wollen, hast du weniger Probleme...» - Das sagte kürzlich ein Kollege aus voller Überzeugung. Mit anderen Worten: Der perfekte Soldat gehorcht ohne zu hinterfragen. Eine hirnlose Kampfmaschine.

Die militärische Erziehung ist nicht das, was man pädagogisch wertvoll nennen würde. Vertreiben wir doch die Zeit mit sinnloser Beschäftigungstherapie. Als ob man diese Zeit nicht sinnvoller nutzen könnte...

Meiner Meinung nach sollte man die Riesensummen, die das Militär jährlich verschlingt, für etwas Nützlicheres einsetzen. Während in der Schweiz eine Infrastruktur besteht, mit der man Tausende von Leben retten könnte, gibt es in den meisten 3.Welt-Ländern nicht einmal eine genügende medizinische Versorgung. Anstatt zu helfen werden hier unnütze Tätigkeiten exerziert.

Einer der wichtigsten Gründe, weshalb man mich nicht zum Weitermachen zwingen sollte, ist meine fehlende Motivation. Mit allergrösster Mühe versuche ich, in den Theoriestunden über den militärischen Schwachsinn wach zu bleiben. Es ist auch schon vorkommen, dass ich auch mangelndem Interesse wegen eingeschlafen bin.

Nach Dienstreglement Artikel 79.3 sollte es eigentlich verboten sein, mich zum Weitermachen zu zwingen. Dadurch würde eindeutig meine Menschenwürde verletzt. Mit 15 Wochen RS und insgesamt 300 Diensttagen habe ich meiner Meinung nach meine Pflicht als Schweizer Bürger mehr als erfüllt. Das Militär stiehlt mir damit genug Zeit meines Lebens für etwas völlig Sinnloses. Mehr wäre zuviel.

Stefan Meichtry

 

 

 

Thema: Armee und Zivildienst
Typ: GSoA-Newspaper
Kategorien: GSoA
Ausgabe: 78

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