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Sehen und gesehen werden
von Rolf Geiser | 01.11.98.

Sehen und gesehen werden

Die mexikanische Armee hat einen Friedensvertrag unterschrieben, hält sich aber kaum daran. Internationale Freiwillige versuchen, den Militärs auf die Finger zu schauen und Schlimmeres zu verhindern. Friedensarbeit zwischen Zuversicht und Bedrängnis

Schlechte Nachrichten aus Chiapas, Südmexiko: Massaker an 45 Menschen, die sich in einer Wellblech-Kirche zum Gottesdienst

Nichts für Revolutionsromantiker: Friedensarbeit erfordert Zurückhaltung, Disziplin und Geduld.

versammelt hatten, der gewalttätige Einfall des Militärs in eine «autonome» Gemeinde, der Rücktritt von Bischof Samuel Ruiz als Präsident der Vermittlerkommission Conai und deren anschliessende Auflösung. Trotzdem bereitet die Koordination schweizerischer NGOs für Chiapas Corsam weiterhin Freiwillige auf einen Einsatz in Chiapas vor. Sie werden in die von Repression und Gewalt bedrohten Dörfer gehen und mit ihrer Präsenz («Sehen und gesehen werden») versuchen, Schlimmeres zu verhüten und über Menschenrechtsverletzungen Bericht zu erstatten.

Ein Projekt mit gutem Fundament

Als im Januar 1994 der Aufstand der «Zapatisten» das Weltinteresse (vorübergehend) auf die wirtschaftliche und kulturelle Unterdrückung in Chiapas lenkte, vermittelte die von Bischof Ruiz präsidierte Conai erfolgreich ein vorläufiges Abkommen, das der indianischen Bevölkerung gewisse Autonomierechte einräumte. Solidarische Menschen aus aller Welt haben seither mit ihrer Präsenz geholfen, diesen Vertrag aufrechtzuerhalten.

In Anlehnung an die Erfahrungen mit der Rückführung guatemaltekischer Flüchtlinge, bei der während mehrerer Jahre ebenfalls Freiwillige zum Einsatz gekommen sind, entstand in der Schweiz Ende 1996 das Corsam-Projekt. Wiederum waren Leute aus kirchlichen Hilfswerken und Friedensorganisationen dabei. Das Schweizerische Ökumenische Friedensprogramm (SÖF) wurde mit der Projektadministration beauftragt. Erfahrene TrainerInnen von Peace Brigades International übernahmen die Ausbildung der Freiwilligen.

Zurückhaltung und «low profile»

Die Freiwilligen von Corsam sind zwischen 22 und über 50 Jahre alt und arbeiten in ihrem Alltag als Arztsekretärin, Gemeindepfarrer, Studentin, Velokurier, Betriebsökonom oder Maturand. Einzelne haben eine persönliche Beziehung zu Mexiko. Für die meisten steht die Motivation im Vordergrund, in der Nord-Süd-Problematik ein konkretes Engagement zu leisten. Die Arbeit als Menschenrechtsbeobachterlnnen bei der indianischen Bevölkerung ist überreich an Erlebnissen und Erfahrungen. Trotzdem: RevolutionsromantikerInnen kämen nicht auf ihre Rechnung. Die oft trockene Knochenarbeit verlangt Zurückhaltung, Disziplin, «low profile» und vor allem Geduld.

Ungebrochenes Interesse

In einem Jahr haben sich gegen 300 Frauen und Männer für den freiwilligen Friedenseinsatz in Chiapas interessiert. 55 haben die Ausbildungskurse besucht. Diese führen in die wirtschaftliche, soziale und politische Entwicklung Mexikos und in die Hintergründe des Aufstandes vom Januar 1994 ein. Fragen der eigenen Motivation werden thematisiert, gewaltfreies Verhalten in Konfliktsituationen geübt und Ängste aufgearbeitet. Die grösste Aufmerksamkeit finden jeweils die Berichte jener, die ihren Einsatz bereits geleistet haben. Bis jetzt sind das 30 Corsam-Freiwillige. Voraussetzungen für einen Einsatz sind Spanisch-Kenntnisse, ein Mindestalter von 22 Jahren, physische und psychische Belastbarkeit sowie Teamfähigkeit. Der Einsatz dauert in der Regel zwei Monate. Für die Kosten von gut 2000 Franken müssen die Freiwilligen selber aufkommen.

Die Aufgabe weiterführen

Die mexikanische Regierung hat in den letzten Monaten die Friedensarbeit in Chiapas in grosse Bedrängnis gebracht. Viele ausländische BeobachterInnen sind aus der Konfliktregion weggewiesen worden. Unsere KollegInnen vom Menschenrechtszentrum in San Cristóbal leben uns aber vor, was Unerschrockenheit, Zuversicht und kritische Haltung weiterhin bewirken können. Corsam wird fortfahren, Menschen für die Friedensarbeit zu befähigen und zu ermutigen.

 

 

Friedensausbildung 1999

Seit über drei Jahren arbeitet das Schweizerische Ökumenische Friedensprogramm (SÖF) an einer Ausbildung für Friedensarbeit. SÖF wird von über 20 Organisationen aus dem christlichen und friedenspolitischen Umfeld getragen (u.a. Brot für alle, HEKS, Schweiz. Katholischer Missionsrat, Evang. Frauenbund, Christlicher Friedensdienst, Pax Christi und Peace Brigades International). Vor einem Jahr wurde die Projektskizze der geplanten Friedensausbildung breit zur Diskussion gestellt. Auch die GSoA hat an Vernehmlassungstreffen teilgenommen.

Im März 1999 soll der Jahreskurs «Friedensausbildung» starten. Vier einwöchige Blockkurse und ein Praktikum sind vorgesehen. Inhalte der Blockkurse sind: «Mein Verhältnis zu Gewalt, Gewaltfreiheit und Konfliktverhalten», «Dynamik von sozial-politischen Konflikten und deren Lösungen», «Die Rolle von Dritt-Parteien. Eingreifen und Vermitteln» sowie «Interkulturelle Konflikte im Inland». Der Jahreskurs richtet sich an Menschen, die in ihrem beruflichen und persönlichen Engagement mit Konflikten zu tun haben - Konflikte im Inland (Gewalt gegen Frauen oder unter Jugendlichen, Integrationsarbeit mit AusländerInnen u.a.) wie auch gewaltfreies Engagement im Ausland.

Im Januar finden Informationstreffen in Fribourg, Bern, Luzern und Zürich statt. Informationen: SÖF, Postfach 11, 5015 Niedererlinsbach, Tel/Fax: 062 844 39 07. e-mail: rgeiser@access.ch

Thema: Krieg und Frieden
Typ: GSoA-Newspaper
Kategorien: International
Ausgabe: 78

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