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ZIVILER FRIEDENSDIENST
Gute Argumente für einen Zivilen Friedensdienst ...
von GSoA | 01.03.99.

Einfache Lösungen

Sind bewaffnete Interventionen und anschliessende materielle Hilfe nicht viel wirkungsvoller?
Der Krieg in Ruanda, in Bosnien, die Spannungen in Aserbeidschan - sie alle sind für uns schwer zu begreifen. Und es wäre so befreiend, mit einem gezielten Schlag die Konfliktparteien endlich zur Vernunft zu bringen. Nur: So einfach geht es leider nicht, schon gar nicht mit militärischen Mitteln. In wenigen Fällen haben Interventions-Truppen mittels massiver Repression einen Konflikt „eingefroren", so etwa in Bosnien. Frieden schaffen müssen hier zivile Strukturen. Häufiger waren solche Truppen jedoch dafür verantwortlich, dass die Situation noch verfahrener wurde. Das Debakel, das die „Friedenstruppen" in Somalia angerichtet haben, ist ein trauriges Beispiel. Mit zivilen Friedensdiensten geht es darum, Konflikte möglichst früh zu erkennen und gewaltfrei zu bearbeiten.
Nach einem bewaffneten Konflikt ist materielle Hilfe wichtig, aber „Ingenieure", so Hans Koschnick, ehemaliger Bremer Bürgermeister und EU-Verwalter der geteilten bosnischen Stadt Mostar, können keine „Brücken zwischen den Menschen bauen. Dazu braucht es Friedensdienste. (...) Nicht-Regierungs-Organisationen haben viel dazu beigetragen, Vertrauen bei der Bevölkerung zu schaffen. Unsere europäischen Regierungen sind gut beraten, diese Organisationen besser zu unterstützen."
Naiv und unvernünftig ist der Glaube der Armeen, die aktuellen Konflikte liessen sich militärisch lösen. Und materielle Aufbauhilfe allein schafft keinen Frieden. Wer den Frieden will, muss den offenen Dialog fördern: Der freiwillige Zivile Friedensdienst (ZFD) bietet dafür den geeigneten Rahmen.

Vermittlung
Kann ein Ziviler Friedensdienst mehr als die offizielle Diplomatie?
Angesehenen Persönlichkeiten gelingt es immer wieder, in einem Konflikt zu vermitteln. So spielt Bischof Ruiz bei den Friedensverhandlungen in Chiapas seit 1994 eine wichtige Rolle. Auch Staaten können jenseits von eigennütziger Interessenpolitik erfolgreich vermitteln, wie Norwegen bei der Verhandlung des Friedensabkommen zwischen Israel und der PLO von 1993 bewiesen hat. Andererseits stösst diese offizielle Diplomatie schnell an Grenzen: Staaten dürfen sich nicht in die „inneren Angelegenheiten" anderer Länder einmischen. Im Kosovo z.B. war die Zuspitzung des Konfliktes seit Jahren offensichtlich. Die offizielle Diplomatie blieb draussen. Auf beiden Seiten gab es aber Gruppierungen (unabhängige Gewerkschaften, Medien, StudentInnenorganisationen, Bürgerrechts- und Jugendgruppen), die an einer friedlichen Lösung arbeiteten. Sie hätten internationale Unterstützung dringend gebraucht. Es gab zwar Ansätze: Internationale Nichtregierungsorganisationen entwickelten eine „Graswurzel-Diplomatie" zwischen Serbien und Kosovo: Sie luden VertreterInnen serbischer Organisationen in den Kosovo ein und organisieren Treffen, um gegenseitiges Verständnis und Vertrauen zu fördern. Diese Ansätze stärker zu unterstützen hätte die Chancen für eine gewaltfreie Lösung deutlich verbessert.
Der freiwillige Zivile Friedensdienst verbessert die Voraussetzungen für Vermittlung. Er kombiniert dabei die Vorteile offizieller Diplomatie und zivilgesellschaftlicher Vernetzung.

Konfliktbearbeitung
Ist gewaltfreie Intervention in bewaffneten Auseinandersetzungen eine Illusion?
Konflikte wird es immer geben ñ aber sie müssen nicht gewalttätig verlaufen. Die Stärke des ZFD liegt in der Früherkennung und Prävention bewaffneter Auseinandersetzungen. Aber auch wenn ein Konflikt ausbricht, bestehen Möglichkeiten gewaltfreier Intervention. Besuchen und beobachten: Bereits die Anwesenheit neutraler BeobachterInnen erhöht den Spielraum für lokale Friedensbemühungen. Zusammen mit der lokalen Kirche trägt zum Beispiel die Schweizer Organisation CORSAM mit internationaler Präsenz dazu bei, die Friedenschance im bewaffneten Konflikt in Chiapas (Mexiko) zu wahren. Begleiten: Die Begleitung der Nobelpreisträgerin Rigoberta Menchu aus Guatemala durch Freiwillige von „Peace Brigades International" (PBI) ermöglichte ihr erst, Aktivitäten zu entfalten. Berichten: Die ständige Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit schützt die Menschenrechte am besten. Kontinuierliche Berichterstattung unabhängiger Organisationen ist deshalb wichtig. Bilden: In Konfliktsituationen ist das Erlernen gewaltfreier Konfliktbewältigung zentral. Die von PBI in Haiti angebotenen Konfliktbearbeitungskurse stiessen auf ein so grosses Interesse, dass sie schliesslich von der zivilen Uno-Mission unterstützt wurden.
Besuchen, beobachten, begleiten, berichten und bilden sind bewährte zivile Handlungsmöglichkeiten, um Konflikte gewaltfrei zu bearbeiten. Diese Ansätze verdienen endlich offizielle Unterstützung.
Solidarische Einmischung


Was heisst schon „Solidarität"?

„Solidarität" heisst das neue Zauberwort der alten Landesverteidiger. Die Schweiz solle „Frieden produzieren und nicht nur konsumieren", fordert Verteidigungsminister Ogi. Schöne Worte - und die Realität? Weil Ogi beim Chinabesuch im Herbst 98 die Werbetrommel für Sion 2006 rühren und Schweizer Versicherungen den chinesischen Markt öffnen wollte, hat er kein Wort zu den anhaltenden Menschenrechtsverletzungen der Regierung gesagt. Und gleichzeitig sollen Schweizer Soldaten weltweit für die Einhaltung der Menschenrechte kämpfen? Echte „Solidarität" zielt darauf ab, Gewaltverhältnisse abzubauen, wirtschaftliche Interessen hin oder her. „Frieden machen" ist ein anspruchsvoller und langfristiger Prozess. Patentrezepte gibt es nicht. Nur wenn alle beteiligten Konfliktparteien - auch die Bevölkerung - bei der Lösung ihrer Konflikte mitreden können, entstehen gerechte und somit tragfähige Friedensprozesse. Die Unterstützung von lokaler Friedensarbeit schafft mehr Spielraum für ziviles Handeln und kann eine militärische Eskalation verhindern. Wichtig ist dabei: Der ZFD soll nur im Einverständnis mit den Menschen vor Ort aktiv werden und darf nicht von staatlicher Interessenpolitik geleitet sein.
Friede kommt nicht aus den Gewehrläufen. Mit „Solidarität" haben die angestrebten Auslandspaziergänge der Schweizer Armee nichts zu tun. Echte Solidarität zielt darauf ab, Gewaltverhältnisse abzubauen. Dafür steht der ZFD ein.


Freiwillige Ausbildung
Ist Frieden lernbar?
Gewalt ist auch in der Schweiz alltäglich, beispielsweise gegen Frauen, Kinder und AusländerInnen. Die Auseinandersetzung mit Gewaltverhältnissen ist nötig, um Gewalt abzubauen. Die Initiative für einen freiwilligen Zivilen Friedensdienst fordert eine kostenfreie Grundausbildung in gewaltfreier Konfliktbearbeitung, die allen in der Schweiz wohnhaften Personen offen steht.
Konkrete Einsätze in Konfliktsituationen - im In- oder Ausland - bedingen eine intensivere Ausbildung. Auch diese soll der ZFD ermöglichen. Doch ZFD-Einsätze sind keine Abenteuerferien. Gefragt sind Frauen und Männer mit einer gefestigten Persönlichkeit und einer starken Motivation. Vor allem aber soll niemand zu Friedensarbeit gezwungen werden, das wäre ein Widerspruch in sich. Umgekehrt sollen zum ZFD nicht nur diejenigen Zugang haben, die sich finanziell einen Einsatz leisten können. Die GSoA-Initiative sieht eine Entschädigung für die Dienstleistenden vor.
Konflikte gewaltfrei bearbeiten - das ist lernbar. Der Zivile Friedensdienst fördert diese Lernprozesse. Er garantiert professionelle Vorbereitung für Friedenseinsätze.
Der freiwillige Zivile Friedensdienst verzichtet auf Zwang. Eine angemessene Entschädigung soll allen ermöglichen, beim ZFD mitzutun.

Geld
Können wir uns einen Zivilen Friedensdienst überhaupt leisten?

FriedensdienstlerInnen leisten nicht nur viel sinnvollere Arbeit, sie sind auch günstiger als Militärs: Im deutschen Bundestag wurde 1996 ein ambitioniertes ZFD-Projekt, das eine viermonatige Ausbildung und einen anschliessenden Zweijahres-Einsatz in Bosnien von 200 Freiwilligen beinhaltete, diskutiert. Die Kosten von 30 Millionen Mark erschienen den ParlamentarierInnen aber als zu hoch ñ lieber bewilligten sie 700 Millionen Mark für die Beteiligung der Bundeswehr an der Nato-Intervention. Das ZFD-Ausbildungsprojekt wurde 1997 in redimensionierter Form vom Bundesland Nordrhein-Westfalen durchgeführt. Vergleicht man die Kosten mit jenen 50 Millionen Franken, die VBS-Chef Ogi als zusätzliches Sold-Zückerchen für die Offiziere aufwirft, zeigt sich: Für diese Summe könnten 1665 Menschen während vier Monaten zu FriedensarbeiterInnen ausgebildet werden.
Für die geforderte freiwillige Grundausbildung in gewaltfreier Konfliktbearbeitung lässt die GSoA-Initiative bewusst alle Möglichkeiten offen: Sie könnte beispielsweise als Freifach in einer Mittelschule oder als Abendkurs für Erwachsene angeboten werden. Die Kosten wären bescheiden.
Der freiwillige Zivile Friedensdienst leistet im Gegensatz zur Armee nicht nur sinnvolle Arbeit, er ist auch entschieden kostengünstiger.

ZFD-International
Ist der Zivile Friedensdienst wieder einmal eine helvetische Extrawurst?
Mit dem freiwilligen Zivilen Friedensdienst kann die Schweiz an ihre humanitäre Tradition anknüpfen. Die Idee ist aber nicht am Gotthard entstanden; beigetragen haben Friedens-, Frauen-, Demokratie- und Menschenrechtsgruppen aus aller Welt. Sie alle haben in verschiedenen Konfliktsituationen die Erfahrung gemacht, wie stark die gewaltfreie Beilegung von Konflikten von der Präsenz und Solidarität internationaler Freiwilliger abhängt.
Ein erstes ZFD-Modell legte die Evangelische Kirche von Berlin-Brandenburg schon im Oktober 1991 vor. Inzwischen werden in vielen Ländern ZFD-Konzepte diskutiert: In Frankreich, Italien und Österreich machen sich friedensbewegte BürgerInnenbewegungen dafür stark; in den nordischen und angelsächsischen Ländern sowie in den Benelux-Staaten steht vor allem die akademische Friedensforschung für einen ZFD ein. Verschiedene gesamteuropäische Treffen diskutierten die Möglichkeit eines ZFD auf europäischer Ebene, und die Fraktion der Grünen brachte bereits einen entsprechenden Vorschlag ins EU-Parlament ein.
Wenn Probleme und Herausforderungen die nationalen Grenzen sprengen, müssen auch die politischen Antworten international abgestimmt werden. Die Annahme der GSoA-Initiative durch das Schweizer Volk wäre ein wichtiges Signal für diese internationale Debatte.

 


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