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EINE PLATTFORM, EINIGE KAPRIOLEN UND VIELE EUNUCHEN
Eunuchen
von Josef Lang | 01.06.99.

Unter den Argumenten, mit denen Divisionär Gustav Däniker jun. die Abschaffung seiner Armee bekämpfte, steckte der Hinweis auf die alteidgenössische Gleichsetzung von „wehr- und ehrlos". Die Schweizer Armee sei entstanden ´aus dem Privileg des freien Mannes, eine Waffe zu tragen.ª Oberst Gustav Däniker sen. hatte noch kernigere Worte gefunden: „Soldatentum ist höchst potenzierte Männlichkeit. Die Erziehung zum Soldaten ist Erziehung zum Manne."
Weil Waffen und Würde in unserem Lande derart eng verknüpft wurden und weil dieser militärisch-machistische Komplex durch keine direkte Kriegsführung erschüttert wurde, weigerte sich das „wehrhafte" Männervolk so lange, dem „wehrlosen" (und damit „ehrlosen") Weibervolk das Bürgerrecht zu gewähren. Wie der Demokratieforscher Andreas Gross immer wieder betont hat, liegt in diesem Umstand und nicht in der direkten Demokratie der Hauptgrund für die späte Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz.
Mit der geistigen Zivilisierung der Schweiz und dank den damit zusammenhängenden geschlechterpolitischen Fortschritten geriet die Verbindung von Waffe und Würde allmählich aus der Mode. In meiner Blauäugigkeit meinte ich, dass nur noch Ewiggestrige in solchen Kategorien dächten. Ich traute deshalb meinen Augen nicht, als vor gut einem Jahr der ach so progressive Brunner-Bericht das alteidgenössische Denkmuster wieder aufleben liess. Bis zum 17. April 1999 nahm ich in meiner anhaltenden Blauäugigkeit an, dass Andi Gross' Unterschrift unter den pentagongläubigen „Bericht der Studienkommission für strategische Fragen" dieser Aussage nicht gegolten habe. Ich traute deshalb meinen Ohren nicht, als das ehemalige GSoA-Mitglied in der „Samstags-Rundschau" auf Radio DRS sagte, es sei „unwürdig", wenn Schweizer Soldaten ihren Auslandeinsatz unbewaffnet leisten müssten. Dass es sich hier nicht um einen blossen Versprecher handelte, zeigten andere haarsträubende Analogien. So setzte Andi den „illegalen, aber legitimen" Nato-Bombenkrieg mit „zivilem Ungehorsam" gleich.
Während Andi Gross die Denkfigur von Däniker jun. weiterführte, hielt sich sein Parteigenosse Jean Ziegler an die von Däniker sen. Gegenüber der Berner Zeitung (15. April 1999) bezeichnete er die pazifistische Haltung von „Linksintellektuellen" als „unerträgliches Eunuchen-Dasein". Wer beim Krieg und beim Militär nicht mitmachen will, ist kein richtiger Mann. Es bestätigt sich, dass Kriege Regressionen zu befördern pflegen: kollektive und individuelle, moralische und intellektuelle. Besonders deutlich äussern sie sich in der Geschlechterfrage.
In Bezug auf die Gelbmützen bedauerte der Brunner-Bericht: „Die Schweizer haben nur Polizeihunde". Ein „freier Mann", bei dem sich „ehrlos" noch auf „ehrlos" und „unbewaffnet" auf „unwürdig" reimen, ist wirklich auf den Hund gekommen, wenn er notfalls auf den Schutz von Afrikanern und Asiaten oder - horribilie dictu! - von Afrikanerinnen und Asiatinnen angewiesen ist.

Thema: Krieg und Frieden
Typ: GSoA-Newspaper
Kategorien: GSoA
Ausgabe: 80

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