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NEUE WELTORDNUNG
Humanitäre Interventionen?
von Stefan Luzi | 01.12.00.

"Man wird sich seinen gesunden Menschenverstand nicht dadurch beweisen können, dass man seinen Nachbarn einsperrt". Auf der Schwelle zum 21. Jahrhundert tönt dieser Satz Dostojewskijs wie eine Weisheit aus einer Zeit, in der man noch Debatten über Gott und die Welt führte. Denn heute leben wir schliesslich in der Neuen Weltordnung: Alles was ist, kann auch anders sein: Gene, Kriege, Einkommen, Beziehungen, Aussehen, Unglück.

Und wie bisher jede Revolution auch Verlierer gemacht hat, so filtert auch die internetbeschleunigte Neue Weltordnung diejenigen weg, die nicht mehr mitkommen. Und die sind, wie vor ihnen alle anderen Verlierer, auch heute eine Last. Denn sie gefährden die Idee eines kollektiven Wohlstandes, erreicht durch grösstmögliche Arbeitsfähigkeit jeden einzelnen, sie stehen dem Wunsch nach einer "vernünftigen" Fortschrittlichkeit im Weg und sie drohen, die vielbeschworene persönliche Freiheit und Unabhängigkeit zu stören. Aus den Augen, aus dem Sinn - eine Handlungsmöglichkeit, die sich bewährt hat, schon zu Zeiten Dostojewskijs. "Zum Wohle" des Betroffenen wird da gehandelt, vorwiegend repressiv. Und so sind die Arbeitslosen, Prostituierten, Opfer sexuellen Missbrauchs, Kriegstraumatisierten und Alkoholkranken von gestern in der Psychiatrie von heute anzutreffen. Die Gesellschaft hat interveniert und diese Menschen der Institution der Psychiatrie übergeben. Dort fehlt Geld, Personal und oftmals Wille, um den Betroffenen ein Leben in Würde und ohne Gewaltandrohung zu sichern. Stattdessen wird "sediert" (mit Medikamenten beruhigt) und "fixiert" (bewegungsunfähig gemacht).

Was hier "Irrenhäuser" genannt wird, nennt man dort "Militärprotektorate"; anstelle von "fürsorgerischem Freiheitsentzug" interveniert man zum "Schutz der Menschenrechte". Hin und wieder erwischt es halt eines dieser "Schurkenregimes", die sich, von Sanktionen oder einfach reinem Desinteresse bedroht, zu einem Himmelfahrtskommando hinreissen lassen. Was die Gründe sind, warum diese Menschen/Staaten aus der Ordnung fielen, oder schlicht "nicht normal" wurden, dies interessiert in keinem der Fälle. Konfliktprävention ist genau so ein Fremdwort wie Krisenprävention. Und dann wird tatsächlich und wahrscheinlich sogar mit gutem Willen versucht, Integration in eine Gesellschaft durch Verbannung aus derselben herzustellen - übertroffen nur von der noch absurderen Vorstellung, man könne Menschenrechte durch Krieg heranführen.

Dostojewskij würde heute schreiben: "Man wird sich seinen gesunden Menschenverstand nicht dadurch beweisen können, dass man seinen Nachbarn bombardiert."

 

Thema: Krieg und Frieden
Typ: GSoA-Newspaper
Kategorien: International
Ausgabe: 90

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