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UP FOR PEACE
u4p: Eine runde Sache, dieser Geburtstag
von GSoA | 01.09.98.

150 Jahre Bundesstaat feierte die offizielle Schweiz am 1. August. Als Geschenk erhielt sie von der GSoA die ersten 100'000 Unterschriften und ein Geburtstagsfest, das für Kopf und Beine attraktives bot.

Mitten in eine laufende Unterschriftensammlung hinein auch noch ein dreitägiges Festival zu organisieren, auf solche Ideen kann wohl nur die GSoA kommen. "U4P – Yourope for Peace" wurde der Anlass getauft, und der Name war Programm: Statt in die helvetische Vergangenheit und auf das schweizerische Wesen Rückschau zu halten, ging es an dieser 1. August-Feier um die "Zukunft der Schweiz jenseits der Berge".

Musikalischer Freitag

Am Freitag Abend begrüssten Nico Lutz und Roland Brunner die Gäste aus dem In- und Ausland: "Während die offizielle Schweiz mit Armeetagen ihre Vergangenheit feiert, begrüssen wir hier die Zukunft." Rund 50'000 Unterschriften seien bisher gesammelt worden für jedes der beiden laufenden Initiativprojekte "Für einen freiwilligen Zivilen Friedensdienst" und "Für eine glaubwürdige Sicherheitspolitik und eine Schweiz ohne Armee". 100'000 Unterschriften zum Geburtstag und für die Zukunft der Schweiz – ein schönes Etappenziel in weniger als fünf Monaten. Aber noch bleibe viel zu tun und alle seien eingeladen, daran teilzunehmen. Trotzdem: Grund genug auch zum Feiern.

Der Liedermacher Sarbach, und die Bands Mudslick, Aeronauten und Soldat inconnu stellten sich dieser armeefreien, zukunftsfähigen Schweiz und ihren angereisten Gästen zur Verfügung. Alle spielten sie ohne Gage, nur für die Spesen und für die Anliegen der GSoA. Auf der Grossen Schanze vor der Berner die Uni, hoch über den Dächern der Stadt und mit Blick in die Bergwelt, stand die Konzertbühne. Infostände, zwei Bars, Essensmöglichkeiten... alles, was zu einem richtigen Festival gehört, war vorhanden. Auch wenn die Konzerte vor fast leerem Platz begannen, bis am späteren Abend fanden noch rund 600 Leute den Weg auf die Grosse Schanze. Nachdem Mudslick mit hartem Rock eingeheizt hatte und die Aeronauten mit ruhigeren Klängen zum Tanzen bewegten, räumte Soldat inconnu ab. Die Musik, die Texte, der einnehmende Charme und das offen von der Bühne ausgedrückte Engagement der Band zugunsten der GSoA schufen eine Stimmung, die das Konzert für alle zum Ereignis werden liess.

Ein Samstag der Diskussionen...

Der Samstag stand dann der Diskussion um Inhalte und Perspektiven einer europäischen Friedenspolitik zur Verfügung. Eingeladen dazu waren Gäste aus dem benachbarten Ausland, denn "es geht weniger denn je an, dass die Schweiz im Alleingang ihre Zukunft sucht", erklärte Roland Brunner als Gesprächsleiter. Für Europa sei heute klar, dass es keinen militärischen Feind mehr gebe, aber viele zivile Risiken und Gefahren. Es müsse europäischer Friedenspolitik darum gehen, die zivilen Antworten zu stärken und die alten militärischen Zöpfe abzuschneiden. "Wieviele Bosnien und Kosovo wollen unsere Politiker noch abwarten, um dann endlich einzusehen, dass auch mit dem modernsten Militär zivile Probleme und innere Gewalt nicht beantwortet werden können?" Die Frage von Roland Brunner leitete durch die Podiumsdiskussion und die anschliessenden Arbeitsgruppen.

Als erstes waren Renate Wanie von der Werkstatt für gewaltfreie Aktion Baden in Heidelberg/BRD, Herbert Wulf, Direktor des Bonn International Center for Conversion BICC, Maja Wicki, Philosophin und Publizistin, und Jean-François Steiert, Generalsekretär der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz SPS, eingeladen, ihre Visionen und Perspektiven für ein armeefreies, friedensfähiges Europa aufzuzeigen. Von Gedanken zu sozialen und politischen Utopien über Visionen für ein engagiertes, solidarisches Miteinander in Europa bis zu konkreten Projekten und Ideen für Rüstungskonversion und Ziviles Handeln ging der Bogen. Renate Wanie betonte, dass eine Gesellschaft ohne Armee heute keine Utopie mehr sei, weil die historischen Voraussetzungen dafür heute bestehen. Es müsse uns darum gehen, mit konkreten Visionen Projekte zu entwickeln, die auch politisch durchsetzbar sind. Politische Freiheit und soziales Engagement seien dafür die Bedingungen und mit offenem Neid schaue sie auf die verfassungsmässigen Rechte, mit denen die GSoA in der Schweiz Fragen stellen könne, wie es ihnen in Deutschland verbaut sei.

Herbert Wulf legte in seinem Beitrag Gewicht darauf, dass das Einlösen einer Friedensdividende, das Abrüsten der Staaten, ein konkreter Prozess sei, der kaum auf einen Schlag geschehen könne und der auch etwas koste. Die Konversion der Rüstungsindustrie, die Umnutzung der militärischen Bauten, die Demobilisierung der Soldaten, das Verschrotten der Waffen, all dies biete riesige Chancen, berge aber auch Gefahren und erfordere darum eine bewusste Politik, die auf betroffene Menschen und Strukturen Rücksicht nehmen müsse. Maja Wicki definierte Armeen als Folge der Gewalt, die die eigentliche Ursache gesellschaftlichen Leidens sei. Die Gewalterfahrungen von Flüchtlingen, die Gewaltbereitschaft in den Köpfen, die Gewaltpotentiale in der Gesellschaft müssten mit einer neuen Kultur und dem Aufbau eines neuen Beziehungsnetzes beantwortet werden. Mit Konflikten leben zu lernen, sie als Teil des Lebens zu akzeptieren und Differenz zu ertragen, sei die grosse Herausforderung, vor der wir stehen. Das Thematisieren militärischer Gewaltstrukturen und das Aufzeigen ziviler Alternativen ist ein Beitrag zu dieser Suche nach einer neuen Kultur. SP-Generalsekretär Jean-François Steiert schliesslich offenbarte bei aller Kritik am Tempo und einigen Einschätzungen der GSoA sein eigenes gsoatisches Herz. Die Initiativen der GSoA seien auch für die SP wichtig, damit diese nicht ihrem Reformismus verfalle, sondern sich immer wieder die grundsätzlichen Fragen stelle und sich selber voranstossen müsse.

In einer zweiten Runde waren weitere Gäste eingeladen, zu den Visionen Stellung zu nehmen. Aus Deutschland waren Uli Wohland von der Kampagne "Daimler-Minen stoppen!", Günther Lott vom "Netzwerk Friedenssteuer" und Tobias Henkel von der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdiensverweigererInnen DFG-VK angereist. Aus Österreich brachte Herbert Peherstorfer vom Internationalen Versöhnungsbund Überlegungen zur Neutralitäts-Debatte und Erfahrungen mit Projekten Ziviler Konfliktbearbeitung in Kriegs- und Nachkriegsprojekten ein. Aus der Schweiz stellten sich SP-Nationalrätin Angeline Fankhauser, GBI-Jugendsekretärin Ursula Häberlin, der Journalist und UNO-Korrespondent Andreas Zumach und der langjährige Friedensarbeiter Hansjörg Braunschweig den Problemen und Fragen. Viel Inhalt, viele Visionen für die Schweiz, viele Hoffnungen für ein gemeinsames Europa und eine solidarische Welt kamen hier zusammen – mehr als ein einem einzigen Artikel Platz hätte und mehr als in einer Veranstaltung diskutiert werden konnte.

Zwei Blöcke von Arbeitsgruppen standen danach zur Verfügung, um konkrete Fragen anzugehen, eigene Überlegungen einzubringen, Erfahrungen auszutauschen. In einer ersten Runde wurde diskutiert über "Sicherheit statt Verteidigung – gegen den militärischen Sicherheitsmythos", "Solidarität schafft Sicherheit – ziviles Handeln und Friedensdienste für zivile Risiken" und über den "Krieg im Kosov@ - die Eskalation der Gewalt politisch durchbrechen". Für die zweite Runde standen folgende Themen zur Debatte: "Mann und Militär – kein Friede zwischen den Geschlechtern", "Krieg ist ein Trauma – Traumatisierungen als Folge der Gewalt" und "Kriegsmedien und Friedensberichte – die Rolle der Medien für Krieg und Frieden". Nach mehr als fünf Stunden engagierten Zuhörens, Mitdenkens und Mitdiskutierens wurden in einem Abschlussplenum die Resultate der sechs Arbeitsgruppen kurz zusammengetragen und dann wartete auf die rund 70 Leute endlich das wohlverdiente und hart erarbeitete Abendessen.

... und der langen Nacht

Trotz einiger heftiger Regengüsse am Nachmittag hielten die Infrastruktur und die Leute dem Wetter stand. Frisch verpflegt und gestärkt, begann um 22 Uhr das Abendprogramm: In der grossen Halle der Reitschule ging die Party richtig los. Die DJs Oliver Bondzio, Styro2000, Vision E, Geisah, Chris Liebing und Cybe Dexter legten auf und rund 450 Leute tanzten ab bis in den frühen Morgen. Wem in der Reitschule des Techno zuviel war, der/die konnte sich beim Alternativprogramm auf der Grossen Schanze verweilen. Barbetrieb, Essen, Hintergrundmusik und Stanley Kubricks "Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben" gaben den richtigen Rahmen für das 1. August-Feuerwerk im Berner Himmel. Niemand vermisste die sonst so pathetischen 1. August-Reden und niemand musste auf die Bratwurst vom Grill verzichten. So schön kann 1. August sein!

Ein verkatertes Sonntagsfrühstück

Ziemlich abgekämpft und ein bisschen verkatert von soviel Geburtstagsfeier trafen sich die OrganisatorInnen am Sonntag Morgen mit den ausländischen Gästen zum abschliessenden Frühstück auf der Grossen Schanze. Bei Kafi und Zopf diskutierte man, wie die ArmeeabschafferInnen aller Länder ihre zivilen Projekte gemeinsam und vernetzt weiterverfolgen können, welche nächsten Anlässe wir schaffen wollen, wie wir in Kontakt bleiben. Gegen Mittag ging es dann nochmals hart an die Arbeit: Während die Bühne schon in der Nacht zum Samstag abgebaut wurde und die HelferInnen auch die Einrichtung in der Reitschule nach Disco-Schluss um 6 Uhr früh bis zum Sonntags-Frühstück demontiert hatten, blieb die Infrastruktur auf der Grossen Schanze mit Küche und Bar und zwei grossen Festzelten abzubauen. Aber gegen 5 Uhr abends war auch das getan und die letzten HelferInnen geschafft.

Die GSoA setzte mit "Yourope for Peace" ein Zeichen der Offenheit und der Zukunftsfähigkeit der Schweiz. Sie leistete damit einen Beitrag zu einer Schweiz, die für das nächste Jahrtausend nicht nur mit Vergangenheit im Rucksack antritt, sondern die zeigt, wieviel Potential für die Zukunft in ihr steckt. Aber dieses Festival kann nicht alles gewesen sein. Die Arbeit geht weiter – beim Sammeln der noch fehlenden je gut 50'000 Unterschriften in der Schweiz und in der gemeinsamen Diskussion und Aktion über die Grenzen und Berge hinweg. Die Mühen der Ebene liegen vor uns.

Roland Brunner


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