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4. Berner Ostermarsch

Der vierte Berner Ostermarsch stand unter dem Motto «Frieden heisst genug für alle - Für eine Globalisierung der Gerechtigkeit». Es haben über 400 Personen daran teilgenommen.

Wie jedes Jahr startete der Marsch im Eichholz und gelangte dann auf den Münsterplatz, wo verschiedene Redner Alternativen zum herrschenden Wirtschaftssystem aufzeigten. Der Vertreter von Longo Mai stellte die selbstverwalteten Kooperativen vor, die ein anderes Produzieren vorleben. Am Beispiel Café RebelDía illustrierte Philipp von der Direkten Solidarität mit Chiapas, wie anderes Handeln möglich ist. Robin von der Gruppe denk:mal aus Bern stellte die Vision eines alternativen Bildungssystems vor.

Auch der vierte Berner Ostermarsch fand als Partnerschaftsprojekt von Kirchen, Menschenrechtsgruppen, GlobalisierungskritikerInnen und AntimilitaristInnen statt. Der Berner Ostermarsch - der einzige in der Schweiz - steht in einer langen Tradition, die insbesondere in Deutschland auch über die vergangenen Osterfeiertage sichtbar wurde. Den OrganisatorInnen geht es darum, unabhängig von politischer Konjunktur ein permanentes Zeichen gegen den permanenten Krieg zu setzen. Dieses Jahr wurde der Zusammenhang von Gewalt und Krieg mit sozialer Ungerechtigkeit, eben wirtschaftlicher Gewalt thematisiert.

Weitere Bilder auf der alten GSoA-Homepage

Redebeitrag Longo Mai: Geld kann man nicht essen!

Heute wie gestern und morgen müssen unsere beiden Stummenten eingepfercht in vier Wände den Sonnenuntergang abwarten. Lange werden Sie diese Rosskur nicht mehr aushalten ohne krank zu werden.

In den letzten Monaten werden Millionen von Hühnern, Gänsen, Enten und anderem Geflügel vernichtet und verbrannt. Der Grund dafür: ein kleiner Virus, der sich im Jahr 1997 in einer industriellen Pouletfarm in China entwickelt hat und seither weltweit ausgebreitet hat. Die auf Produktivität hochgezüchteten Tiere haben keine natürlichen Abwehrkräfte mehr und erliegen den kleinsten Unregelmässigkeiten in ihrer «hypersterilen» Umwelt. Eine einzige Sorte Batteriehuhn wird heute in 10 Milliarden facher Auflage jährlich auf den Markt geworfen.
Der Virus könnte mutieren und für den Menschen gefährlich werden! Nun geht ein Kreuzzug los gegen unsere gefiederten Freunde rund um den Erdball: als erstes werden die Zugvögel für die Verbreitung des Virus verantwortlich gemacht, dann die kleinen Geflügelproduzenten, die nicht über standardisierte und sterile Installationen verfügen. Dabei sind es gerade die lokalen Rassen und die Wildtiere, die den Krankheiten dank ihrem intakten Immunsystem am besten widerstehen.
Kaum Einer redet davon, dass Millionen von kleinen, auf Selbstversorgung ausgerichteten Höfe, den industriellen Betrieben schon lange ein Dorn im Auge sind, weil sie ihre exponentielle Expansion bremsen. Kaum Einer stellt die an den Wahnsinn grenzende Industrialisierung der Geflügelzucht in Frage.

Weder Hühnerpest noch Rinderwahnsinn oder Hormonfleisch haben bisher vermocht der fortschreitenden Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion Einhalt zu gebieten. Die Vordenker der profitorientierten Wirtschaft wollen immer weiter rationalisieren ohne den Kollateralschäden - der Zerstörung von Natur und Leben - die notwendige Beachtung zu schenken. Sie beeinflussen nach wie vor die Leitlinien der Agrarpolitik in der Schweiz, in Europa und vielen Staaten der Welt.

Heute ist ein neues Vierjahresprogramm der schweizerischen Agrarpolitik an der Tagesordnung, die AP 2011. Sie hat dieselbe Ausrichtung wie die europäische und amerikanische Agrarpolitik und wird sanitäre Katastrophen, wie die eben genannte nicht verhindern sondern die Voraussetzungen für die Nächsten schaffen.

In Kürze, fünf Gründe, weshalb wir diese AP 2011 bekämpfen.

  • Sie plant das Verschwinden der Hälfte der Bauernhöfe der Schweiz, das sind 32'000 Arbeitsplätze, die Lebensgrundlage von 32000 Familien, die mit einigen Federstrichen wegradiert werden. Jahre und manchmal Generationen hat es gebraucht, um diese Existenzgrundlagen aufzubauen.
  • Sie will die Jugendlichen entmutigen in die Landwirtschaft einzusteigen und fördert Massnahmen die Landwirtschaft für die Jugendlichen weniger attraktiv zu gestalten.
  • Sie beinhaltet eine Verlagerung der anfallenden landwirtschaftlichen Arbeit auf LandarbeiterInnen, denn mit der Vergrösserung der Betriebe braucht es in Saisonspitzen zusätzliche Hilfskräfte. So wird die Ausbeutung von unterbezahlten ImmigrantInnen, wie es zum Beispiel bereits in El Ejido im Süden Andalusiens geschieht, zum Leitbild der neuen schweizerischen Landwirtschaftspolitik wird.
  • Sie macht den Boden zum Spekulationsobjekt. Die Hälfte der Bauernhöfe, vor allem die kleinen Betriebe, verliert jeglichen Schutz gegen die Bodenspekulation, da sie nicht mehr dem Landwirtschaftsgesetz untersteht. Durch die Abschaffung des «Höchstpreises» (übersetzter Erwerbspreis) und der Pfandbelastungsgrenze verlieren auch die grossen Betriebe einen wichtigen Schutz gegen die Bodenspekulation. Im Grunde werden damit die Interessen der Grossbanken vertreten, die angesichts ihrer riesigen Gewinne, den Boden als Kapitalanlageschwamm brauchen. Zu gunsten von Banknoten, geben wir so unsere Nahrungsgrundlage auf.
  • Sie fördert den Ausbau einer Erdöllandwirtschaft, die bis zu zehn Mal mehr Kalorien braucht als, dass sie produziert. Mit keinem Wort wird die Zerbrechlichkeit dieser künstlichen Landwirtschaft bei einem Versorgungsengpass erwähnt. Dabei weiss jedermann, dass die Reserven an Erdöl schon jetzt zur Neige gehen.

Dass es auch andere Wege gibt wird verschwiegen oder bestritten. Das Wasser, der Boden, der Wald sind natürliche Ressourcen, erneuerbare Ressourcen, die nie ausgeschöpft sind, wenn sie nachhaltig genutzt werden. Landwirtschaft und Viehzucht inspirieren uns Vermehrung, Bereicherung, Fülle, aus einem Korn werden viele, unendlich viele Körner. Dies ist die Grundlage für eine gesunde und vielseitige Ernährung von allen. Gute Nahrung braucht aber viele Hände, praktisches Wissen und eine große Erfahrung. Lokale und regionale Selbstversorgung ermöglichen kurze Kreisläufe und eine von den Grossverteilern unabhängige Ernährungssicherheit.

Eine eindrückliche und stetig wachsende Zahl junger Menschen hat die Lebensbedingungen in den Städten satt und sucht nach praktischer Tätigkeit und nach Lebenssinn. Viele von ihnen zieht es in die Hügel- und Berglandschaft und deren landwirtschaftliches Umfeld. Hier entstanden in den letzten Jahren interessante neue Formen von lebendigen Genossenschaften und der Begegnung von Stadt und Land; dabei denke ich nicht nur an unsere Longo mai Kooperativen sondern an eine Vielzahl von Initiativen in ganz Europa, die auf irgend eine Art und Weise «Anders leben und wirtschaften». In Genf, zum Beispiel, ist vor drei oder vier Jahren «Tourne-rêve» entstanden. Mehrere hundert Familien haben sich mit einigen Bauern zusammengetan und beraten wie sie die notwendigen Lebensmittel regional produzieren könnten. Daraus ist eine «Vertragslandwirtschaft» entstanden, in der Städter und Landwirte zu einer neuen Form von Zusammenarbeit gefunden haben. Mittlerweile sind schon 1300 Familien daran beteiligt. Solche Zusammenschlüsse von Konsumenten und Produzenten könnten wegweisend sein.

Mit der AP 2011 sind wir heute wieder einmal an einem Scheideweg. Doch diesmal wird es nicht genügen, wenn tausende Landwirte protestieren, denn sie sind nur noch eine kleine Minderheit. Der Protest und neue Initiativen müssen genauso von den Städtern kommen, denn schliesslich und endlich geht es um unser aller Nahrung.

LONGO MAI
Le Montois
2863 Undervelier
032/426 59 71
Fax: 032/426 77 06
E-mail: montois@datacomm.ch

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Anders Arbeiten und handeln - Café RebelDía aus Chiapas

Was «anders arbeiten und handeln» heissen kann, werde ich anhand des feinen Kaffees, des Café RebelDía, den ihr hier trinken könnt, kurz illustrieren.

Seit acht Jahren sind wir in direktem Kontakt mit rebellischen Kaffeebauernfamilien in Chiapas, im Süden Mexikos. 600 zapatistische Familien haben sich zu einer Kooperative zusammengeschlossen und vermarkten ihren biologischen Kaffee direkt über uns und über andere Solidaritätsgruppen in der sogenannten «Ersten Welt».

«Anders» an ihrem und unserem Arbeiten und handeln ist dabei das intensive Verhältnis, das durch Besuche und die Zusammenarbeit entstanden ist. Damit meine ich nicht ein Verhältnis von Person zu Person, keinen Paternalismus, in welchem wir als reiche SchweizerInnen den armen Familien im Süden helfen wollen. Vielmehr sind wir mit den sehr selbstbewussten Bauern und Bäuerinnen in einem Austausch über ihre Arbeitsweise, über die Art und Weise, wie sie sich und wie wir uns organisieren.

Café RebelDía ist ein Experiment eines anderen Nord-Süd-Austausches: Im Süden wurde die Kooperative zu einer wichtigen Stütze der indigenen Autonomie. Im Norden wurde der Café RebelDía zu einem Symbol für eine andere Globalisierung, eine Globalisierung des Widerstandes. Und die KaffeetrinkerInnen des Café RebelDía trinken nicht nur fairen Kaffee, sondern über die Tasse Kaffee beteiligen sie sich an einer solidarischen Mobilisierung.

Wobei ich unser «andereres Arbeiten und Handeln» keineswegs glorifizieren möchte. Auf beiden Seiten des Teiches ist nicht der «neue Mensch» entstanden. Viele Male mussten wir darum kämpfen, dass wir in Chiapas nicht einfach als die reichen Goldesel aus dem Norden angesehen wurden, sondern als gleichwertige Partner. Viele Male herrschte Zwist, Uneinigkeit und Neid zwischen den Bauernfamilien. Und viele Male konnten wir uns im zapatistischen Netzwerk der europäischen Kaffeekollektive nicht auf ein gemeinsames Handeln einigen. Aber wir bleiben geduldig dran, suchen kollektiv Lösungen für die Herausforderungen und sind uns bewusst, dass dieser Handel mit zapatistischem Kaffee ein wichtiger Lehrblätz ist auf dem Weg in eine andere, gerechtere Welt.

«Für eine Welt, in der viele Welten Platz haben» ist das Motto der Zapatistas. Nicht Platz haben in dieser Welt der Vielfalt haben die einfältigen, homogenisierenden Werte: die Globalisierung des Profitdenkens, die Ökonomie des Terrors und der neoliberalen Arroganz. Die Welt des Krieges und der Heuchelei.

Heuchelei und Krieg ist für mich mit Ostern leider stark verbunden: Denn kurz vor den Osterferien 2003 wurde noch schnell der Irakkrieg für beendet erklärt - nicht von der Regierung Bush, auch nicht von der Regierung Blair, Aznar oder Berlusconi, sondern vom Schweizer Bundesrat, damit die sistierten Waffenexporte der Schweizer Waffenindustrie an die Krieg führenden Nationen im Irak nicht platzen.

Diesen Welten des Krieges und der Heuchelei müssen wir, gerade an Ostern, unsere Visionen, unseren Widerstand und unser alltägliches anderes Handeln entgegensetzen. Machen wir aus Ostern ein Fest der Auferstehung der humanistischen Werte. Kämpfen wir zusammen mit den Zapatistas für eine Welt, in der viele Welten Platz haben.

Philipp für Café RebelDía
www.chiapas.ch
rebeldia@chiapas.ch

 

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Anders lernen und lehren - Projekt denk:mal

Diesen Text haben wir leider nicht online.

Die Webseite des Projekts denk:mal ist www.denk-mal.info