GSoA-Zeitung


Edition Nr. 171

Broken Arrows

Als Broken Arrows bezeichnet das US-Militär Unfälle mit nuklearen Sprengköpfen. Dazu zählen auch «verloren gegangene» Atomwaffen. Doch wie kommt es zu solchen Vorfällen und wie regelmässig geschehen sie?

Unfälle mit Atomwaffen unterliegen in der Regel der Geheimhaltung. Deshalb fehlt es an einer verlässlichen und umfassenden Berichterstattung. Peter Kuran verweist in seinem Dokumentarfilm Nuclear 911 auf 32 Affären  des US-Militärs mit scharfen Atom- und Wasserstoffbomben zwischen 1950 und 1980. Gemäss der renommierten Denkfabrik Brooking Institution sollen der USA «lediglich» acht explosionsfähige Atombomben und neun mit radioaktiven Substanzen aber ohne Spaltstoff verloren gegangen sein.

 

Kein Zünder – nur eine Attrappe?

Hier offenbart sich eine erste Finte in der Diskussion um Broken Arrows: Die Fachschaft streitet sich darüber, ob es sich rein definitorisch bereits um eine Atomwaffe handelt, wenn sie zwar radioaktives Material enthält, aber keinen Zünder. Ausserdem wird im Anschluss an manche Vorfälle gesagt, dass es sich nur um eine Attrappe gehandelt habe – was auch immer das bedeutet. Beispielsweise sorgte im vergangenen Jahr der Fund eines Tauchers vor der Insel Pitt Island für Aufregung. Dieser entdeckte unter Wasser ein riesiges Objekt, das rasch mit der 1950 von US-Streitkräften verlorenen Atombombe in Verbindung gebracht wurde. Damals fing ein Interkontinental- Bomber vom Typ Convair B-36 während einer geheimen Mission Feuer. Die Besatzung warf die Bombe über dem Pazifik ab, um eine Detonation bei einem Aufprall zu verhindern. Im Nachhinein beteuerten die zuständigen Obrigkeiten, es habe sich um eine Attrappe gehandelt. Warum eine Attrappe bei dem Vorfall aber abgeworfen werden musste, konnten sie nicht beantworten. Ein weiterer Fall ist eine 1958 von US-Streitkräften verlorene Wasserstoffbombe, die laut Experten hundertmal stärker war als eine Hiroshima-Bombe. Bei der Simulation eines Luftangriffs auf eine sowjetische Stadt vor der Küste von Savannah in Georgia stiessen zwei Kampfflugzeuge zusammen. Die Mark-15-Bombe wurde deshalb noch über Wasser fallengelassen. Dass die Bombe keinen Zünder gehabt habe, ist nur ein schwacher Trost. Die Bombe gilt noch heute als verloren.

 

Elf US-Bomben verschollen

 

1956 stürzte beispielsweise eine B-47 mit waffenfähigem Nuklearmaterial von einer Air Force Base vor der griechischen Küste ins Ioni sche Meer, 1957 kam es zu einem Notabwurf von zwei Atombomben im Atlantik, 1959 und 1965 gingen weitere Wasserstoffbomben verloren. Das Militär vertuschte solche Vorfälle oft jahrelang, insbesondere wenn die Bomben als «unwiederbringlich verloren» eingestuft werden. Die Brooking Institution geht zurzeit davon aus, dass in den Meeren dieser Welt elf US-Bomben liegen. Dass es sich dabei nicht immer nur um Attrappen oder um radioaktives Material ohne Zünder gehandelt haben kann, zeigen zwei prominente Beispiele, bei denen auf den Absturz die Explosion und die Kontamination grossflächiger Gebiete folgte. Zum einen kam es 1968 zum Absturz einer B-52 mit vier Atombomben nahe dem US-Stützpunkt Thule in Grönland. Die Bomben waren zwar gesichert und sind trotz Detonation der Zündladungen nicht explodiert, jedoch verteilte sich das radioaktive Material auf weiten Flächen. Das Militär verzichtete auf eine weitläufige Dekontamination. Zum anderen gingen bei einem Absturz in Palomares in Spanien vier Wasserstoffbomben verloren, bei zweien davon explodierten die Zündladungen ohne eine Kettenreaktion auszulösen. Auch fünfzig Jahre nach dem Unfall ist das teilweise bewohnte Gebiet trotz Dekontamination noch stark verstrahlt. Bei den hier vorgestellten Beispielen handelt es sich nur um US-Fälle, für andere Atommächte fehlen jegliche Angaben. In Anbetracht dessen und im Hinblick darauf wie oft anscheinend Flüge mit Nuklearwaffen durchgeführt werde, dürfte es wohl eine grosse Dunkelziffer von verloren gegangenen Atomwaffen und bis heute verstrahlten Gebieten auf dieser Welt geben.