GSoA-Zeitung


Edition Nr.182

Das grosse Versagen

Die Covid-19-Krise kam nicht aus dem Nichts. Sie war vorhersagbar. Und trotzdem waren wir beschämend schlecht vorbereitet. Wegen der ideologischen Fixierung der Sicherheitspolitik auf unrealistische Bedrohungsszenarien sind wir um ein Haar an einer noch grösseren Katastrophe vorbeigeschlittert.

Zahlreiche ExpertInnen warnen bereits seit Jahren, dass früher oder später eine Pandemie die Welt erfassen wird. In den letzten zwanzig Jahren sind wir mindestens drei Mal knapp daran vorbeigeschrammt. Der Risikobericht des Bundesamts für Bevölkerungsschutz von 2015 warnte eindringlich, dass eine Pandemie (zusammen mit einem längeren Stromausfall) das grösste Risiko für die Schweiz darstellt. Die Eintretenshäufigkeit einer Pandemie schätzte der Bericht auf alle 30 bis 100 Jahre. Das heisst, sie war statistisch gesehen überf.llig.

Miserable Vorbereitung

Die bürgerlichen SicherheitspolitikerInnen und das VBS hatten die eigenen ExpertInnen nie wirklich ernst genommen. Das Resultat davon: Die Armee hat in den letzten Jahren sieben ihrer acht Militärspitäler geschlossen. Das einzige verbliebene Spital in Einsiedeln stellte sich entgegen früheren Beteuerungen als nicht geeignet für die Betreuung von Pandemie-PatientInnen heraus. Der Sanitätsdienst des Zivilschutzes wurde 2004 abgeschafft. Einen nennenswerten Vorrat an Schutzmaterial hatte die Schweiz nicht, auch keine Kapazität, um selbst Schutzmaterial herzustellen. Eine geplante Reserve an Betten auf Intensivstationen gab es nicht. Für einige Wochen im März und April stand das Schicksal der Schweiz auf der Kippe. Hätte der Bundesrat nicht rechtzeitig und beherzt radikale Einschränkungen des öffentlichen Lebens beschlossen; hätte sich die Bevölkerung nicht verantwortungsvoll und mit viel Solidarität der Situation gestellt; wäre das Virus nur ein paar wenige Prozentpunkte ansteckender oder die Hospitalisierungsrate höher gewesen1 ;würde das Virus bei jüngeren Menschen nicht meist einen harmlosen Verlauf nehmen; wären wir nicht durch die Situation in Wuhan und später Norditalien vorgewarnt gewesen; hätten wir nicht in letzter Minute Schutzmaterial aus China importieren können – wenn alle diese Faktoren nicht auf unserer Seite gewesen wären, wäre das Gesundheitssystem der Schweiz zusammengebrochen und wir hätten zehntausende Tote zu beklagen gehabt. Die Sicherheitspolitik hatte andere Prioritäten. Wir haben massenhaft Ressourcen investiert, um uns auf einen Luftkrieg mit Österreich vorzubereiten, aber wir waren nicht bereit, dem Personal im Gesundheitswesen die Ressourcen bereitzustellen, um im Pandemiefall um das Leben aller PatientInnen zu kämpfen. Wir haben Schützenpanzer gehortet, aber keine Schutzmasken. Wir hatten massenhaft Maschinengewehre an Lager, aber keine Beatmungsmaschinen. Wir haben jedes Jahr Tausende Männer an der Waffe ausgebildet, aber nicht in der Pflege.

Sorgen wir für wahre Sicherheit

Pandemien sind nicht das einzige Bedrohungsszenario, das die Sicherheitspolitik bisher ignoriert hat. Jeden Moment könnte die Schweiz ein Erdbeben treffen, das Zehntausende Todesopfer fordert. Ein mit Chlorgas gefüllter Zug könnte im Wallis oder im Genferseegebiet verunglücken und die Menschen in einem Radius von zweieinhalb Kilometern töten. Die Klimakatastrophe wird zu Hitzewellen, Wassermangel und Waldbränden führen, wie wir sie in der Schweiz bisher nicht kannten. Milliarden für Luxus-Kampfjets auszugeben, für die es kein plausibles Bedrohungsszenario gibt, macht einfach keinen Sinn. Die Schweiz wird in absehbarer Zeit keinen Luftkrieg gegen Österreich führen. Investieren wir besser in wirkliche Sicherheit. Sorgen wir dafür, dass die Walliser Industrie das Chlor vor Ort produziert. Bauen wir ein dezentrales, erneuerbares Energienetz, das Stromausfälle verunmöglicht. Und bereiten wir uns besser auf die nächste Pandemie vor. Denn ein Virus, das noch gefährlicher ist wie Covid-19, wird mit Bestimmtheit kommen.