GSoA-Zeitung


Edition Nr. 172

Der Tod im Schrank

Immer weniger Ordonnanzwaffen landen nach Absolvierung der Dienstpflicht in den Privathaushalten. Das ist erfreulich. Dass die Zahl der Schusswaffen zu Hause erst jetzt zurückgeht, zeigt aber einmal mehr die Realitätsferne der Armee.

Mit den Traditionen ist es so eine Sache. Technisch gesehen dient der Begriff dazu, Bräuche, Sitten und vor allem deren Wandel zu beschreiben. Gerne aber werden Traditionen auf ein Podest gestellt, als identitätsstiftend für eine gesamte Gesellschaft bezeichnet und für heilig erklärt. Wenn dann gewisse «Traditionen» aussterben, geht das grosse Drama los. Es überrascht nicht, dass gerade Armeethemen immer wieder als solche Traditionen betitelt werden. Neuster Fall: Die Ordonnanzwaffe. Die Anzahl der Soldaten, die ihre Schusswaffe am Ende ihrer Dienstzeit mit nach Hause nehmen, ist in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Waren es 2004 noch über 40%, nahmen sie 2016 gerade noch 11% – oder 2500 – nach Hause. Ein Aufschrei ging durch die Kreise der Militärfreunde: Der Tod einer Tradition, ein Verlust für die Schweiz. Welche Tragödie!
Der grundlegende Fehler dieses Lamentos: Die Waffe nach Hause zu nehmen, war nicht eine Tradition, die sich von alleine entwickelt hat, sondern ein Weisungsbefehl der Armee – ein gefährlicher und unnötiger Befehl. Die einfache Verfügbarkeit von Schusswaffen führt dazu, dass die Schweiz traurige Rekordhalterin der mit Schusswaffen ausgeführten Suiziden ist. Auch in Tötungsdelikten sind Schusswaffen eines der am häufigsten gebrauchten Tatmittel. Dass es erst Verschärfungen brauchte, nämliche eine Kostenbeteiligung von 100 Franken und regelmässige Schiessübungen, damit die Soldaten die Waffe nicht mehr nach Hause nehmen wollten, gibt zu denken. Eine gefährliche Tradition, die erst zu verschwinden beginnt, wenn man sie zu regulieren versucht. Das heisst im Umkehrschluss: Vor den Gesetzesänderungen landeten tödliche Instrumente im Schrank, weil die freiwillige Abgabe die aufwendigere Alternative darstellte. Ein solch lascher Umgang mit Schusswaffen ist mehr als bedenklich. Ihn als Tradition zu bezeichnen ist heuchlerisch.