GSoA-Zeitung


Edition Nr.182

Die Armee in Zeiten von Covid-19

Die Armee schickte 5000 Soldaten zur Unterstützung ziviler Institutionen im Kampf gegen Covid-19 und erhielt dafür viel Lob und Zuspruch. Die Kritik liess aber ebenfalls nicht auf sich warten. Eine Einordnung.

Die Covid-19-Krise und den Umgang, den die Schweiz mit ihr fand, wird uns noch lange beschäftigen. Zu Beginn der Krise war der Konsens gross, dass der Staat möglichst alle ihm zur Verfügung stehenden Kräfte für die Bekämpfung der Pandemie mobilisieren sollte. Das Angebot der Armee, die zivilen Behörden zu unterstützen, wurde von den meisten äusserst positiv aufgenommen. Viele freuten sich über die Möglichkeit, den Zweck der Armee bestätigt zu sehen. Kurz darauf aber wurden erste Stimmen publik, die die eingesetzten Truppen wegen der hohen Ansteckungsgefahr als Virenfallen bezeichneten, die den zivilen Behörden eher eine Last als eine Erleichterung seien und ohnehin meist nicht zum Einsatz kämen. Sogar einzelne Vertreter der Gruppe Giardino befanden, die Armee sei nicht geeignet für den Einsatz an der Corona-Front.

Mobilisierung war nicht falsch, aber auch nicht richtig

Generell kann man die Kritiken in drei Stossrichtungen einteilen: Es wird gefragt nach der Notwendigkeit der Mobilisierung, nach dem Nutzen der Armee in einer Pandemie und nach der Umsetzung der Mobilisierung. Der erste Punkt ist schnell abgehandelt: Rückblickend kann man davon ausgehen, dass der Einsatz der Armee den Verlauf der Krise nicht in relevantem Masse beeinflusst hat. Das Gesundheitssystem ist nicht zusammengebrochen, die Grenzen brauchten aufgrund der leeren Strassen kaum mehr Kontrollpersonal, für die Versorgung isolierter Personen hat sich die Zivilgesellschaft eingesetzt. Dass nicht mehr Assistenzpersonal notwendig war, hat aber eher mit der Pandemie selbst zu tun, die in der Schweiz weniger schlimm ausfiel als befürchtet. Prophylaktisch alle möglichen Vorkehrungen zu treffen – und dazu gehört in einem Land, dass sich an der obligatorischen Wehrpflicht festklammert als wäre sie der institutionalisierte heilige Gral, eben auch die Armee – war nicht falsch. Ob die Armee aber für die Bekämpfung und Eindämmung von Covid-19 auch wirklich geeignet war, führt zum zweiten Kritikpunkt. Diese Frage muss differenziert angegangen werden. Tatsächlich verfügt die Armee gemäss der letzten Auszählung über 26’000 Personen, die in Truppen eingeteilt sind, die nicht ausschliesslich für Kampfeinsätze einsetzbar wären. Dazu gehören insbesondere die Rettung, die Sanität, die ABC-Abwehr, die Logistik, die Militärpolizei oder auch die Genietruppen. Innerhalb dieser Formationen aber sind es wohl weit weniger Personen, deren militärische Ausbildung direkt in einer nicht-militärischen Bedrohungslage eingesetzt werden kann.

Armee ist nicht die richtige Antwort

Und auch wenn die Armee über äusserst effiziente Mobilisierungsmöglichkeiten verfügt, so sind ihre Strukturen doch denkbar ungeeignet für zivile Einsätze. Dies unter anderem auch, weil eine Vereinbarkeit von privaten, familiären oder beruflichen Pflichten mit der Dienstpflicht nicht vorgesehen ist – und das führt zwangsläufig zu Ausfällen, die von Systemen ausserhalb des Militärs gedeckt werden müssen. Für nicht-militärische Bedrohungen kann die Armee also häufig eigentlich nur eine Verlagerung anbieten, nicht aber eine gesamtheitliche Entlastung. Der letzte Kritikpunkt bezieht sich vor allem auf die – zugegebenermassen grossartige – Medienarbeit, die die Armee in den letzten Monaten leistete. Sie schaffte es, dass die 4000 Zivildienstleistenden, die im Sozial-, Gesundheits- und Schulbereich tätig sind und durch ihre Erfahrung und Vertrautheit mit den jeweiligen Systemen eingespielte Assistenzfunktionen übernehmen können, praktisch ungesehen blieben. Auch der Einsatz des Zivilschutzes blieb im Hintergrund. Dass das VBS mehr Ressourcen hat, um professionelle Imagepflege zu betreiben, ist klar. Ob es gerechtfertigt war, die eigene Rolle so zu glorifizieren, ist mindestens stark bestreitbar.