GSoA-Zeitung


Edition Nr°179

Die grösste Bedrohung

Ein Artikel, der mit einem pathetischen Aufruf an unsere Verantwortung beginnt; dann an die Dramatik der Bedrohung durch die Klimakrise erinnert; und schliess - lich in Fassungslosigkeit über die Schweizer Sicherheitspolitik im Allgemeinen und den CO2-Ausstoss der Armee im Speziellen endet.

Es gibt ungefähr 250 Milliarden Sterne in unserer Galaxie. Ein grosser Teil davon wird von erdähnlichen Planeten umkreist. Es gäbe unvorstellbar viele andere mögliche Orte – aber gemäss dem aktuellen Stand unseres Wissens ist unser Planet wohl der einzige, auf dem komplexes Leben entstanden ist. Seit die ersten Lebensformen vor rund dreieinhalb Milliarden Jahren erschienen, entwickelten sich rund 50 Milliarden Arten. Nur eine dieser Arten – die Menschheit – brachte eine technologisch fortgeschrittene Zivilisation hervor. Und erst seit wenigen Jahrzehnten sind wir in der Lage, die Geschichte unseres Planeten als Ganzes zu bestimmen. Kurzum: Es ist ein unfassbar grosser Zufall, dass wir existieren – und dass wir zu diesem Zeitpunkt leben. Dieses Glück birgt auch eine immense Verantwortung: Wir entscheiden über die Zukunft des Lebens nicht nur auf der Erde, sondern vielleicht in unserer gesamten Galaxie.

Die Bedrohung

In der Diskussion um die Klimakrise wird viel über die Zwei-Grad-Grenze gesprochen. Das heisst, die von den Menschen verursachte Erwärmung der Erdatmosphäre sollte im Durchschnitt nicht mehr als zwei Grad über dem Wert vor der Industrialisierung liegen. Was die Politik hingegen kaum zu diskutieren wagt, ist was geschieht, wenn dieser Wert überschritten wird. Es gibt im Klimasystem der Erde Kipppunkte: Wenn bestimmte Temperaturgrenzen überschritten werden, setzen Prozesse ein, die sich selbst verstärken und kaum mehr gestoppt werden können. Dazu zählen das Auftauen der Permafrostböden in der Arktis und die damit verbundene Freisetzung immenser Mengen an CO2; das Schmelzen der Polkappen, welches dazu führt, dass weniger Sonnenwärme ins All reflektiert wird; oder das Auftauen von extrem klimaschädlichem Methanhydrat, das momentan im Ozeanboden gebunden ist. Die Konsequenzen wären ein noch nie dagewesener Temperaturanstieg, ein für die Menschen und die meisten anderen Arten lebensfeindliches Klima. Die denkbaren Szenarien könnten schlechten Fantasy-Filmen entstammen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass im Zeitraum von ein paar hundert Jahren sämtliches Meerwasser verdampfen wird. Wir haben unterdessen bereits mehr als die Hälfte der Zwei-Grad-Marke überschritten. Auf unseren Schultern lastet eine riesige Verantwortung und wir stehen kurz davor, es zu vergeigen.

Die Rolle der Armeen

Die Aufgabe der Sicherheitspolitik und jeder Armee ist es, die Bevölkerung zu schützen und Bedrohungen abzuwenden. Angesichts der gewaltigen Gefahr der Klimakrise müsste man annehmen, dass die Armee alle mobilisierbaren Ressourcen einsetzt, um diese Bedrohung abzuwenden. Das Gegenteil ist der Fall. Pro Jahr produziert die Schweizer Armee rund 240 000 Tonnen CO2. Das ist etwa gleich viel Kohlendioxid wie sämtliche Autos in der Stadt Zürich ausstossen oder etwa ein halbes Prozent der gesamten Schweizer Treibhausgas-Emissionen. Etwa die Hälfte des CO2-Ausstosses der Armee stammt von der Kampfjet-Flotte. Ein F/A-18-Flugzeug verbrennt rund 5000 Liter Treibstoff pro Flugstunde und produziert in dieser Zeit rund 15 Tonnen CO2. Das entspricht einer Autofahrt zweieinhalb Mal um den Äquator. Die momentan als Nachfolger evaluierten Kampfjets verbrauchen teilweise nochmals deutlich mehr Treibstoff als die F/A-18. Die Schweiz steht damit nicht allein. Die USamerikanischen Streitkräfte sind der grösste institutionelle Verbraucher von Kohlenwasserstoffen der Welt. Sie sind für etwa gleich viel CO2-Emissionen verantwortlich wie Portugal oder Peru. Im Jahr 2017 gaben die US-Streitkräfte 8.7 Milliarden Dollar für Treibstoffe aus.

Das Versagen der Sicherheitspolitik

Die direkten Emissionen des Militärs sind ein grosses Problem. Das grundlegendere Problem ist jedoch ein anderes. Die Menschheit ist zu unglaublichen kollektiven Leistungen fähig, insbesondere in Situationen der Bedrohung. Wir sehen es als selbstverständlich an, dass im Falle einer klassischen militärischen Auseinandersetzung alle Ressourcen einer Gesellschaft auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet werden. Das betrifft die industrielle Produktion und den Einsatz von Menschenleben, aber auch der Wissenschaft und Forschung. Wir befinden uns in einem existentiellen Notstand, einer Bedrohung globalen Ausmasses. Noch gibt es Hoffnung. Wir brauchen jedoch die Mobilisierung aller Ressourcen der Mensch heit, um die Klimakatastrophe abzuwenden. Wir bräuchten ein neues Klima-Apollo- Programm, einen Klima-Marshall-Plan, ein Klima-Manhatten-Project. Wir bräuchten SicherheitspolitikerInnen, die den Menschen klarmachen, dass wir Prioritäten setzen und uns einschränken müssen, wenn wir unsere Zukunft retten wollen. Stattdessen kaufen wir neue Kampfjets, und die Grossmächte zetteln ein milliardenteures Wettrüsten um Hyperschallwaffen an. Die selbstzerstörerische Blindheit der Militärs, der SicherheitspolitkerInnen und der rechten Mehrheiten in Klimafragen soll uns jedoch nicht einfach fassungslos zurücklassen. Sie soll uns anspornen, diese Mehrheiten zu brechen, so dass wir als Gesellschaft unsere Verantwortung endlich anpacken können.