GSoA-Zeitung


Edition Nr. 175

«Euch mutet man zu, auf die eigenen Kinder zu schiessen»

Der Landesstreik vom November 1918 wurde ausgelöst durch einen nationalen Armeeeinsatz.

Der Generalstreik ist mit 250’000 Teilnehmenden und zahllosen Demonstrationen, Versammlungen und Kundgebungen die bedeutendste Protestaktion in der gesamten Schweizergeschichte. Die meisten der neun Forderungen wurden in den folgenden Monaten (Proporz, 48 Stundenwoche), Jahren (Lebensmittelversorgung) und Jahrzehnten (AHV/IV, Frauenstimmrecht) umgesetzt. Kürzlich haben ein Militär- und ein Wirtschaftshistoriker der Uni Zürich, beides ehemalige Linke, an einer Historikertagung und in der NZZ Sinn und Notwendigkeit des Generalstreiks in Frage gestellt. Schliesslich habe es bis in den November 1918 eine «merkliche Verbesserung der Lebenshaltung» gegeben. Dabei übersehen die beiden Autoren, dass der Landesstreik eingebettet war in eine dreijährige Streik- und Protestwelle. So beteiligten sich zwischen 207’000 (1917) und 440’000 Arbeitende (1919) an Lohnbewegungen.

Kaskade von «Ordnungseinsätzen»
Vor allem aber blenden sie aus, dass der Landesstreik ausgelöst wurde durch den Beschluss des Bundesrates, gegen drohende Unruhen in Zürich eine bewaffnete Bundesintervention durchzuführen. In keiner politischen Frage war die ArbeiterInnenbewegung. derart sensibilisiert wie in der von inneren Armeeeinsätzen. Zwischen 1875 und Oktober 1918 hatte es etwa 60 militärische Aufgebote gegen Streikende und Protestierende gegeben. In allen sechs lokalen Generalstreiks zwischen 1902 und 1912 hatte die Armee eingegriffen. Nachdem 1902 die Intervention gegen den Genfer Generalstreik von 565 Soldaten, einem Viertel der Aufgebotenen, verweigert worden war, verfügte der spätere General Wille, künftig nur noch ortsfremde Truppen einzusetzen. Im Bundesrats-Protokoll vom 10 November 1918 während dem ersten Weltkrieg, ist über ein Treffen mit Arbeiterführern festgehalten, dass «die Gemüter in Zürich sehr erregt seien durch das Herumziehen der Truppen, durch das Schiessen und durch das Auffahren von Maschinengewehren.»
Der Aufruf des Oltener Komitees zum Landesgeneralstreik vom 11. November begann mit einem Hinweis auf den vielerorts durchgeführten «24-stündigen Streik gegen die provozierenden Truppenaufgebote des Bundesrates.» Da dieser die Truppen nicht zurückzog und den «Belagerungszustand» nicht aufhob, bleibe kein anderer Weg als ein unbefristeter und allgemeiner Streik. Neben den Arbeitern und Eisenbahnern richtete sich die Proklamation an die «Wehrmänner». Da die Rolle der Armee allgemein unterschätzt wird, sei hier der ganze Abschnitt zitiert: «An euch werden die Herrschenden appellieren, das gegenwärtige Regime mit Waffengewalt zu schützen. Euch mutet man zu, auf die eigenen Kinder zu schiessen, vor dem Mord eurer eigenen Frau und eurer eignen Brüder nicht zurückzuschrecken. Ihr werdet das Verweigern; ihr werdet nicht zum Henker der eigenen Angehörigen und Volksgenossen werden. Zur Vermeidung blutiger Konflikte fordern wir euch auf, in allen mobilisierten Einheiten Soldatenräte zu bilden, die im Einvernehmen mit den Arbeiterorganisationen ihre Massnahmen treffen.»

«Die Truppen waren feindselig»
Allerdings blieben praktisch alle 95’000 Soldaten, grossmehrheitlich Bauern, gehorsam. Robert Grimm, Präsident des Oltner Komitees, musste eingestehen: «Die Truppen waren uns gegenüber feindselig gestimmt.» In Grenchen wurden drei Arbeiter erschossen, an vielen Orten gab es Verletzte. Aufgrund eines harten Ultimatums des Bundesrates, das offensichtlich einen Bürgerkrieg in Kauf nahm, wurde der Streik nach drei Tagen abgebrochen. Der Graben zwischen der Armee und der Linken war tiefer denn je.
Vor allem ging es weiter mit den Militäreinsätzen gegen Streikende und NazigegnerInnen. So wurden beim Basler Generalstreik von 1919 fünf Arbeitende erschossen und mehrere verletzt. Wie reaktionär die Armee war, zeigen ihre häufigen Einsätze gegen antinazistische Kundgebungen. An einer solchen wurden in Genf am 9. November 1932 13 Antifaschisten erschossen und 65 verletzt. Unter den Toten war ein Vater, dessen Sohn als Rekrut mitschiessen musste.