GSoA-Zeitung


Edition Nr.183

Nüchtern betrachtet

Es ist Zeit, eine Auslegeordnung über mögliche Bedrohungsszenarien zu machen, in welchen die Schweizer Luftwaffe bestehen muss. Das Ergebnis: Schwere Multifunktions-Kampfjets bringen der Schweiz keinen Sicherheitsgewinn

Die Stimmbevölkerung wird am 27. September über die Kampfjetvorlage entscheiden müssen, ohne die Anzahl, die Fähigkeiten, den Typ oder die langfristigen Kosten der zu beschaffenden Flugzeuge zu kennen. Ebenfalls unbekannt ist, welche Anforderungen die Flugzeuge genau erfüllen sollen, respespektive von welchen konkreten Bedrohungsszenarien das VBS ausgeht. Betrachten wir deshalb genauer, wann die Schweizer Luftwaffe zum Einsatz kommt, respektive kommen könnte:

Szenario 1:

Luftpolizei Situationen, in denen die Regeln des Flugverkehrs missachtet werden oder in einem Flugzeug das Funkgerät ausfällt, kommen in der Schweiz etwa einmal pro Monat vor. In diesen Situationen ist eine rasche Intervention der Luftpolizei unerlässlich. Eine ähnliche Aufgabe ist die Überprüfung von nicht identifizierten Flugzeugen, sowie das Eskortieren von ausländischen Staatsmaschinen. Solche Einsätze führt die Luftwaffe mehrmals pro Woche durch

Szenario 2:

Konferenzschutz Die Schweiz ist Veranstaltungsort zahlreicher Konferenzen und beherbergt internationale Organisationen, die Schutz bedürfen. Solche Ereignisse lassen sich am besten im Verbund mit anderen Staaten schützen.

Szenario 3:

Terror Bis heute gibt es nur ein einziges Grossereignis, bei dem Terroristen mit Flugzeugen einen Anschlag verübt haben: Am 11. September 2001 in den USA. Dieses beispiellose Verbrechen hat gezeigt, dass selbst die stärkste Luftwaffe der Welt machtlos ist, wenn es Terroristen gelingt, ein Verkehrsflugzeug in ihre Gewalt zu bringen: Zwischen dem Zeitpunkt an dem die Flugsicherung die Entführungen erkannt hatte und dem Anschlag selbst, vergingen nur wenige Minuten Die Luftwaffe hätte nicht die geringste Möglichkeit, den Anschlag Nüchtern betrachtet BEDROHUNGSSZENARIEN zu verhindern,selbst wenn ihre Flugzeuge bereits in der Luft wären. Damit Anschläge mit Passagiermaschinen verhindert werden können, müssen bereits am Boden geeignete Massnahmen ergriffen werden.

Szenario 4:

Schutz der Neutralität Neutrale Staaten dürfen es gemäss den Haager Abkommen nicht erlauben, dass Krieg führende Staaten Truppen oder Kriegsmaterial durch ihr Gebiet bewegen. Für eine kurze Zeitspanne zu Beginn des Irakkriegs 2003 und während des Kosovo-Krieges sperrte die Schweiz deshalb ihren Luftraum für militärische Flüge der Kriegsparteien vorübergehend. Die Aufgabe der Luftwaffe ist in diesen Situationen die visuelle Identifikation der Flugzeuge, um danach diplomatischen Protest gegen die Luftraumverletzungen einlegen zu können. Bei allfälligen Überflügen über die Schweiz geht es insbesondere um Transportflugzeuge, die mit 800 bis 900 km/h fliegen. Das heisst: Leichte Kampfjets reichen für diese Augfabe vollends.

Szenario 5:

Luftverteidigung Einen eigentlichen Luftkrieg über der Schweiz hält selbst das VBS gemäss dem aktuellen Sicherheitspolitischen Bericht nicht für realistisch. Und falls dennoch feindliche Kräfte unser Land angreifen würden, würden sie – gemäss dem VBS – bei einem Erstschlag mit massiven Luftschlägen sowie Marschflugkörpern Flugplätze sowie Radaranlagen angreifen und nutzlos machen. Das heisst, hier würden Kampfjets nichts nützen, da sie gar nicht erst abheben können.

Fazit

Um diese Aufgaben alle erfüllen zu können, braucht es keine überteuerten Multifunktions-Kampfjets, sondern agile Flugzeuge, die über eine Geschwindigkeit deutlich über derjenigen von Linienflugzeugen sowie eine gute Steigleistung verfügen. Die jetzigen F/A-18 können noch mehr als ein Jahrzehnt lang dafür eingesetzt werden. Es ist daher überhastet und sicherheitspolitisch nicht nötig, zum jetzigen Zeitpunkt eine grosse Anzahl neuer Kampfjets zu beschaffen. Danach bietet es sich an, auf leichte Kampfjets zu setzen, die in der Beschaffung und im Unterhalt viel kosteneffizienter sind als die momentan vorgeschlagenen Typen