Ziviles Recht statt Faustrecht in internationalen Beziehungen
heisst ein zentraler Leitsatz der cfd-Frauenstelle für Friedensarbeit.
Wann immer ich gefragt werde, was wir dort genau tun, beginne ich mit
diesem Satz. Wenn ich davon ausgehe, kann ich erklären, warum unsere
Arbeit ein Spektrum von feministisch-friedenspolitischer Grundlagenarbeit
bis zum Engagement im Netzwerk, von der Nachbereitung der Weltfrauenkonferenz
auf schweizerischer Ebene bis zur Mitorganisation der Grossdemonstrationen
gegen den Krieg in Ex-Jugoslawien umfasst.
Wenn wir sagen, sprechen wir über etwas, das wir im Engagement für
eine gerechtere Gesellschaft suchen und nirgends vollumfänglich verwirklicht
sehen.
Wir lehnen die vorliegende Teilrevision des Militärgesetzes ab,
weil sie bewaffnete Auslandeinsätze aus einem friedenspolitischen
Kontext reisst und sie allein in bundesrätliche Kompetenz
legt, ohne ausreichende demokratische Kontrolle.
Anstatt ein friedens- und sicherheitspolitisches Konzept vorzulegen und
darin als möglichen Extremfall den Stellenwert allfälliger militärischer
Komponenten zu definieren, sollen in der bestehenden Vorlage militärische
Massnahmen vom Primat der Politik losgelöst und vorweg konkret beschlossen
werden. Selbiges gilt bedauerlicherweise auch für die angestrebte
Ebene eines internationalen Engagements der Schweiz.
Eine militärische Intervention kann keine Lösung sein, sondern
bestenfalls eine Kriegsdynamik unterbrechen und Spielräume für
politisches Handeln eröffnen. Sie ist niemals ein Ersatz für
Politik.
Als Teil der Friedensbewegung halten wir einen militärischen Einsatz
für die zweitschlechteste Antwort auf einen Krieg oder Konflikt -
die schlechteste Antwort aber wäre es, zuzulassen, dass sich jeweils
das Recht des Stärkeren durchsetzt. Der Satz "Nie wieder
Krieg", entsprungen aus den Erfahrungen zweier
Weltkriege gilt, aber er steht in Spannung zu dem Satz: Ein
bewaffneter Einsatz kann nur legitim sein, wenn er unter dem Mandat der
internationalen Gemeinschaft stattfindet, also von UNO oder OSZE ausgeht
und unter dem Völkerrecht steht. Nur dann ist ein militärischer
Einsatz ein Beitrag zur Zivilisierung von Konflikten, indem er der herrschenden
militärischen Gewalt Recht, Völkerrecht entgegensetzt.
Der vorliegenden Entwurf zur Teilrevision des Militärgesetzes wird
dieser völkerrechtlichen Legitimierung in keinster Weise gerecht.
Es ist widersinnig, mit der einzusetzen und die, ein verstärktes
Engagement der Schweiz für zivile Konfliktlösung im Rahmen der
UNO, ausser acht zu lassen. Zusammenhanglos militärische Einsätze
regeln zu wollen, ist ein Kurzschluss, der politische Phantasie durch
militärische Logik ersetzt.
Auch militärische Einheiten unter UN-Hoheit werden nie mehr als
eine Feuerwehr sein, die sich zudem oft genug wie eine Besatzungsmacht
benimmt. Als Fachstelle für feministische Friedenspolitik sehen wir
uns dabei einem Dilemma gegenüber. Diejenigen, von denen sich Frauen
normalerweise bedroht fühlen müssen - bewaffnete Männer
- treten als internationale Truppen als Beschützer auf. Aber die
Farbe der Helme macht aus Soldaten noch keine Friedensengel.
Einschlägige Übergriffe holländischer und deutscher Blauhelme
auf somalische Zivilistinnen sind durch die Medien gegangen, ebenso die
Errichtung von Zwangsbordellen und andere Vergewaltigungen durch Blauhelmen
in Bosnien. Erklärbar sind sie durch die spezifische militärische
Sozialisation, welche einem zivilen und humanitären Engagement keineswegs
zuträglich ist.
Deshalb fordern wir, auf Schweizerischer und internationaler Ebene eine
ständige zivile Watchgroup als Kontrollinstitution einzurichten.
Diese Watchgroup soll gesetzlich vorgesehen werden, als unabhängige
Begleitung Kompetenzen hinsichtlich der Ausbildung, Ausgestaltung und
Durchführung von Einsätzen haben und von Vertreterinnen friedens-,
frauen-, migrations-, umwelt- und entwicklungspolitischer Gruppen der
Zivilgesellschaft gebildet werden. Frauen müssen in der Watchgroup
so lange die Mehrheit haben, als in den Entscheidungsgremien und Blauhelmtruppen
selbst Männer in der Mehrheit sind.
Nichtmilitärische Elemente inkIusive das Erlernen nicht-sexistischer,
nicht rassistischer und gewaltvermindender Verhaltensweisen müssen
zentral zur Ausbildung gehören. Dies soll gewährleisten, dass
politische Konzepte und politische Phantasie die rein militärische
Logik ersetzen.
Dorothee Wilhelm, cfd-Frauenstelle für Friedensarbeit,
im März 1999