| Züri Agenda 1/99 | |
Moral ohne Zweifel"Moralisch gesehen besteht kein Zweifel: Der Nato-Luftschlag gegen Serbien ist mehr als gerechtfertigt." Dies schrieb Philipp Löpfe an den Anfang seines Tages Anzeiger-Kommentars zur ersten Angriffswelle des Nordatlantischen Militärbündnisses. Uns ist eine Zeitspanne gegeben, die wir unser Leben nennen, in der wir bewusst wahrzunehmen und uns so von allen anderen Kreaturen in dieser Welt zu unterscheiden glauben. Wenn wir dies gelten lassen, obliegt es uns, Sinn- und Wertfragen zu stellen. Doch die Antworten, die wir so gerne finden würden, um auch leichter wieder Abschied zu nehmen, liegen halt nicht parat. So suchen wir unser Plätzchen im Ensemble und bemühen uns um gute Regeln oder Massstäbe, damit wir unsere Rolle vergleichen, an ihr feilen und sie verbessern können. Dafür erwarten wir vielleicht etwas Applaus, wenigstens aber hoffen wir, die Aufführung nicht zu sehr gestört zu haben. Wie immer wir jedoch unsere befristete Zeit nutzen, so ist doch eines gewiss: Zweifel werden unser Tun und Streben begleiten. Wenn also stimmt, dass sich Moral und Zweifel gegenseitig bedingen, und somit der eingangs zitierte Satz in sich widersprüchlich ist, wieso schreibt dann jemand so etwas? Nun, bisweilen sind wir unserer Sonderstellung im Weltentheater überdrüssig. Wie viel leichter wäre es doch, einfach ein bisschen Kreatur zu sein, so ganz ohne Kummer und plagendes Gewissen. Was interessierten uns dann Normen und Spielregeln? Oberschlau wie wir sind, machen wir uns diese Erkenntnis zu Nutzen. Der Trick ist simpel: Um unser Verhalten nicht hinterfragen zu müssen, erheben wir, wenn es uns angezeigt erscheint, unsere Moralvorstellungen ganz einfach zum ewigwährenden Naturgesetz. Die westliche Hemisphäre hat im ausgehenden Jahrhundert wahre Meisterschaft darin erlangt. Der Wahlspruch, der unseren Zweifeln den Garaus macht, ist Balsam für unsere strapazierten Grüblerseelen und lautet schlicht: Wir sind immer die Guten! Am prominentesten haben die USA diese Maxime aufs Banner und in die Oberstübchen der Leute geschrieben, doch Europa nützt den Windschatten geschickt und lässt sich gleichsam mitsaugen. Der Griff in die Zaubertüte wirkt Wunder. Sobald wir die Message verinnerlicht haben, das alles, was wir tun, einzig und zielgerichtet dem Wohle aller dient, se-hen wir die Welt in neuem Glanz. Natürlich kann die Nato jetzt geltendes Völkerrecht missachten und ohne UNO-Mandat ihre Bomben regnen lassen, sei’s über Serbien, dem Irak oder irgendwo. Klar, haben wir vorgängig alles Menschenmögliche unternommen, die Konflikte mit zivilen und politischen Mitteln zu lösen. Und noch viel wichtiger: Nie waren wir in die Ursachen der Krisen verstrickt und werden es auch nie sein. Da nun diese Doktrin der westlichen Welt recht ist, sollte sie der Schweiz nur billig sein. Das Militärgesetz hat folgerichtig zügig revidiert zu werden, damit wir unsere Soldaten endlich auch bewaffnet in die gepriesenen Friedensmissionen rund um den Globus entsenden können. Gerne glauben wir jetzt Ogis Beteuerungen, dies geschehe nur zum Selbstschutz und diene dem Weltfrieden. Wie könnte es auch anders sein? Dergestalt beruhigt sind wir’s zufrieden, lehnen zurück und geniessen die Frühlingssonne. Und es ist alles, alles gut. P.S. Falls jemand unberechtigte Zweifel an irgendwas hegt, oder aus lauter Freude einfach gerne Absurditäten liest: Auf den nächsten Seiten erfahrt ihr mehr über die Kritik an der geplanten Revision des Militärgesetzes und auch das Pressebulletin der GSoA zum Nato-Angriff ist abgedruckt. Übrigens haben wir bis jetzt 75'000 Unterschriften für unsere beiden Initiativen gesammelt und freuen uns über tatkräftige Unterstützung, um auch den Rest rassig zusammenzukriegen. Grundsätzlich sind unsere Anliegen zwar unnötig – doch entscheidet selbst. Martin Käser |
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