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KRIEG UND FRIEDEN
Transcend-Tagung in Bern
von GSoA | 24.10.07.

Das Transcend-Verfahren, eine Philosophie und Methode zur Veränderung und Lösung zwischenmenschlicher Konflikte stand Mitte Juli im Mittelpunkt einer Tagung in Bern. Dazu eingeladen hatten Schweizer Mitglieder des weltweit aktiven Transcend-Netzwerkes für Konflikttransformation und Friedensentwicklung.

 

Von Billy Meyer*

Mit viel Esprit, Erfahrungsschatz und Schalk schmückte der 77-jährige Konfliktexperte und Begründer des Transcend-Verfahrens, Johan Galtung, seine Ausführungen zum Tagungsthema. Wie ein Sänger, der seinen Lieblingssong vor ausverkaufter Halle als Zugabe zum Besten gibt, referierte der norwegische Wissenschaftler zu seiner Methode. Überzeugt stützte er die Eckpfeiler «seines» während eines halben Jahrhunderts entwickelten Verfahrens - es ist immer noch ein work in progress - mit zahlreichen Thesen und Beispielen: «Bist du ein Konflikt, sei herzlich willkommen. Von dir können wir etwas lernen; vorausgesetzt, wir sind offen für den Widerspruch, d.h. wir wollen hören, was der andere für eine Meinung dazu hat.» Diese Art des Dialogs zu fördern und zu begleiten, innerhalb und zwischen den Konfliktparteien, so lautet ein Kerngedanke des Transcend-Verfahrens. Angeregt werden soll dieser Austausch durch die Perspektive einer möglichen Lösung für die Konfliktparteien.

Die Legitimität des andern erkennen

Dem Gegenüber zuhören können ist das eine, sich ins Verhältnis zu den eigenen Grundbedürfnissen setzen ein anderes wichtiges Element auf dem Lösungsweg. Für Johan Galtung zeichnet sich in einem Konflikt dann eine Transformation ab, wenn eine oder beide Parteien die Illegitimität ihrer eigenen Bedürfnisse sowie die Legitimität der Bedürfnisse der anderen Partei erkennen, benennen und annehmen können. Seine Ausführungen schloss der agile Forscher mit einem Appell: «Wir müssen das Vokabular im Umfeld des Begriffes Lösung unbedingt erweitern.»

Im zweiten Teil der Tagung vertieften die beiden Co-Direktoren Gudrun Kramer und Wilfried Graf vom Institute for Integrative Conflict Transformation and Peacebuilding IICP in Wien die Ausführungen ihres Vorredners. Im Verlaufe ihrer Präsentation wurde deutlich, was das Transcend-Verfahren von einer «üblichen» Mediation unterscheidet. Transcend-KonfliktvermittlerInnen sind zwar allparteilich, fördern jedoch den Dialog mit Lösungsvorschlägen in Konjunktiv-Form.

Kollektive und individuelle Gewalt

Abgerundet wurde der informative Tag mit einer anregenden Podiumsdiskussion. Das Thema lautete: Berührungspunkte zwischen Jugendgewalt und gewalttätigen, bewaffneten Konflikten oder Kriegen. Die Diskussion machte einmal mehr klar, wie schwierig es ist, von individuellen Aspekten auf kollektive und umgekehrt von kollektiven Phänomenen auf individuelle Ausgestaltungen zu schliessen. Besonders gefallen hat mir der Hinweis des Basler Universitätsprofessors und Soziologen Ueli Mäder, der in Anlehnung an Jean Paul Sartre bemerkte: «Wir sollten nicht davon sprechen, wie und ob sich das Gesellschaftliche im Individuellen widerspiegelt, sondern danach fragen, wie sich das Gesellschaftliche im Individuellen dokumentiert.»

Was ist Transcend?

(Billy Meyer) Transcend (engl. für etwas überwinden, über etwas hinausgehen, etwas überschreiten) wurde 1993 vom norwegischen Mathematiker und Sozialwissenschaftler Johan Galtung ins Leben gerufen. Der heute 77-jährige Forscher gilt als einer der Begründer der internationalen Friedens- und Konfliktforschung als wissenschaftliche Disziplin. In den vergangenen 14 Jahren entwickelte sich Transcend zu einem internationalen Netzwerk aus über 200 WissenschaftlerInnen. Die von Johan Galtung mitbegründete Konfliktbearbeitungsmethode, das Transcend-Verfahren, gehört zu den Methoden der Konflikttransformation und verbindet eine umfassende theoretisch fundierte Konfliktanalyse mit einer praxiserprobten Systematik von Arbeitsfeldern und Methoden der Konfliktbearbeitung. Im November wird zum ersten Mal in der Schweiz (Bern) eine Fortbildung zum/zur Konfliktberater/in nach dem Transcend-Verfahren angeboten. Anmeldeformulare können von der Website www.transcend-netz.org oder bei Uri Ziegele (ziegele@freesurf.ch) bezogen werden.

Thema: Krieg und Frieden
Typ: GSoA-Newspaper
Ausgabe: 131

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