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Von Jürgen Störk
Wenn ich mir die Liste der Gäste für das Europa Forum betrachte,
vermute ich, dass in den nächsten zwei Tagen viel von Verteidigung,
Rüstung, von militärischen Strategien und polizeilichen Massnahmen
die Rede sein wird. Es scheint, als ob sich das Europa der Abwehr, Ausgrenzung
und der Zwangsmassnahmen hier in Luzern trifft, um den Ausbau der Festung
Europa koordiniert voranzutreiben. Es ist wichtig, gegen die beängstigende
Vision einer europäischen Armee, schneller Eingreiftruppen und ähnlichen
Abwehrmechanismen auch friedenspolitische Visionen zur Diskussion zu stellen.
Deshalb danke ich den Veranstaltern des Zivilen Europa Forum dafür,
diese Gelegenheit für eine Gegenöffentlichkeit geschaffen zu
haben.
Ich möchte in meinem Beitrag für die Einführung eines
zivilen Friedensdienstes plädieren. Ich sehe einen ZFD, so wie er
heute in der Schweiz als Volksinitiative vorliegt, oder so wie er in unseren
Nachbarländern Österreich und Deutschland bereits eingeführt
wird, als sinnvolle und praktikable Alternative. Aus den zahlreichen Gründen,
welche mich bewegen, für die Zukunft in der Konfliktpolitik nicht
auf Soldaten sondern auf zivile Friedensdienste zu setzen, möchte
ich drei Thesen ausführen:
- Der ZFD schafft gewaltfreie Alternativen zu militärischem Handeln
- Der ZFD schafft Demokratie in der Konfliktbearbeitung
- Der ZFD schafft Dialog und Verständigung
1. Der ZFD schafft gewaltfreie Alternativen zu militärischem
Handeln
Ich vertrete Die Ansicht, dass die Bereitschaft und Fähigkeit zum
Frieden sich in einer Gesellschaft letztlich nicht an ihrem Verteidigungspotential
misst, sondern daran, welche Kapazitäten sie ausgestaltet hat, um
Friedenspolitik zu betreiben. Die militärischen Sicherheitslogik
und Verteidigungspolitik erstrebt Schutz und Abwehr von Gewalt durch Androhung
von Gewalt Stichwort Dissuasion. Diese Methode bringt mit sich, dass von
einem Teil der Bevölkerung – Männern - Gewaltausübung eingeübt,
reproduziert und legitimiert wird. Demgegenüber bestaltet sich zivile
Friedenspolitik als offener gewaltfreier Prozess, der aktiv und präventiv
am Abbau aller Formen von Gewalt arbeitet. Das heisst, Friedenspolitik
setzt einen andauernden dynamischen Prozess in Gang, der physische, psychische
und strukturelle Gewaltverhältnisse unter Menschen abbaut und durch
gewaltfreie Alternativen die Bildung einer friedlichen menschlichen Konfliktkultur
verwirklichen hilft.
Die Überwindung der Gewalt ist ein langfristiger gesellschaftlicher
Prozess, weil er erfordert, dass die Menschen nicht nur im Lesen und Schreiben
sondern auch im gewaltfreien Umgang mit Konflikten gebildet werden. Die
Initiative für einen ZFD trägt dem Rechnung, indem sie verlangt,
dass ein freiwilliger, kostenloser Zugang zu einer Grundausbildung in
gewaltfreier Konfliktbearbeitung ermöglicht wird. Die Einführung
des ZFD wird in diesem Bereich ebenso bedeutsame und weittragende Konsequenzen
für eine nachhaltige Entwicklung unserer Gesellschaft mit sich bringen,
wie beispielsweise vor 200 Jahren die Einführung der allgemeinen
Volksbildung im Bereich der Demokratie nach sich zog. Ging es damals um
die Emanzipation des Menschen von der "selbstverschuldeten Unmündigkeit",
so geht es heute um die nicht minder anspruchsvolle Emanzipation des Menschen
von "selbstverschuldeter Gewalt". Doch das geht nicht von heute auf morgen
und braucht Strukturen. Der ZFD bietet dank seiner pluralen zivilen Trägerschaft
ein guter Rahmen um dem festgestellten langfristigen Bedarf für eine
Alphabetisierung im gewaltfreien Umgang mit Konflikten beizukommen,
Dringend sind auch für die laufenden Auseinandersetzungen konkrete
Alternativen zu militärischem Handeln gefragt, denn solange die Staaten
so massiv und total einseitig in den Aufbau und den Unterhalt der „ultima
ratio" d.h. militärischer Gewaltmittel investieren, brauchen
wir uns nicht zu wundern, dass vor der ulitma gar keine andere Mittel
zum Einsatz. Der ZFD fördert und schafft gezielt gewaltfreie Methoden
der Konfliktbearbeitung, baut sie aus und entwickelt sie weiter. Er befähigt
uns Menschen und Gesellschaften, nicht erst dann zu handeln, wenn‘s knallt
und dann bestenfalls zurück zu knallen, sondern rechtzeitig kreative
Mittel und Methoden einzusetzen, damit es gar nicht mehr knallt. Vorsorgen
ist besser als Heilen.
2. Der ZFD schafft Demokratie in der Konfliktbearbeitung
Im internationalen Diskurs über "Konflikte" geben staatliche
Bünde den Ton an – begonnen mit der NATO, über die Europäische
Union, bis hin zur OSZE, um nur drei der wichtigsten internationalen Instanzen
zu nennen. Diese sogenannte „Realpolitik" spricht viel von „Sicherheit",
welche mit staatlichen und das heisst in erster Linie militärischen
und polizeilichen Macht- und Zwangsmitteln garantiert werden soll. Dass
dies trotz der mannigfachen Katastrophen, welche noch jede militärische
„Konfliktbearbeitung" zeitigte, also kurz gesagt, wider besseres
Wissen heute immer noch salonfähig ist und gar mit enormen personellen
und finanziellen Ressourcen ausgestattet wird, hat nicht etwa damit zu
tun, dass sie besonders wirkungs- und sinnvolle Konfliktbearbeitung leisten
würde, sondern unter anderem mit der historischen Tatsache vielfältiger
wirtschaftlicher Interessen, überkommener Strukturen und machpolitischem
Kalkül.
Zwar gibt es im Bereich des zivilen Konfliktmanagement seit Jahren ebenfalls
Ansätze von Bürgerinitiativen, auch hier kurz drei Beispiele:
der Service Civil International, die Hesinki Citizen Assembly oder die
Peace Brigades International. Diese und viele weitere Organisationen der
Zivilgesellschaft, mischen sich bürgernah und mit gewaltfreien Mitteln
ins Konfliktgeschehen und suchen aktiv und verändernd auf das Konfliktgeschen
einzuwirken. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie am grünen Tisch
der inszenierten Polittragödien bis heute leider wenig, um nicht
zu sagen kein Gewicht haben. Ein Blick auf Jugoslawien zeigt, dass sie
es leider nicht erreichten, die Konfliktdiskurse auf internationaler Ebene
merklich zu zivilisieren, und das hiesse zu entmilitarisieren, geschweige
denn, gewaltsame Konfliktverläufe in sichtbarer Weise zu beeinflussen.
Meine Erfahrungen mit zivilen Friedensdiensten im Rahmen der Peace Brigades
International beweisen mir, dass dies nicht etwa daran liegt, dass gewaltfreie
Methoden nichts taugen würden. Ganz im Gegenteil konnte ich mich
von deren Wirksamkeit und Nachhaltigkeit überzeugen. Dass sie in
Konflikten nicht viel präsenter sind, liegt einmal daran, dass sie
von den staatlichen Akteuren nicht als Konfliktbearbeiter anerkannt, sondern
kurzerhand beiseite ausgeschlossen werden und zweitens daran, dass sie
allesamt im Vergleich zu den Investitionen in die Gewaltmaschinerie mit
geradezu lächerlich wenigen Ressourcen ein Dasein knapp am Existenzminimum
fristen müssen. Friedensdienste hängen bis heute fast ausschliesslich
von Freiwilligenarbeit und Spenden ab, welche mit grossem Aufwand zusammengesucht
werden müssen. In der Kürze sind damit zwei wesentliche Gründe
genannt, welche friedenspolitische Arbeit hindert im grossen Stil gesellschaftlich
relevant zu werden.
Der zivile Friedensdienst, bietet die Chance in Beidem gründlich
Abhilfe zu schaffen. Erstens wird in der Konfliktpolitik das bis heute
bestehende faktische Gewaltmonopol staatlicher Organe durch eine zivile
gewaltfreie Komponente ergänzt. Explizit zivile Körperschaften,
Nichtregierungsorganisationen wie Hilfswerken und Friedensorganisationen,
werden Kompetenzen und Mittel zuerkannt, damit sie bei Konflikten unabhängige
friedensförderliche Rollen übernehmen können.
Die Einführung einer Vielzahl von zivilen Akteuren
auf den verschiedenen Konfliktbühnen im In- und Ausland, bedeutet
eine historische Wende in der Konfliktbearbeitung, welche meines Erachtens
in ihren langfristigen Konsequenzen nicht unterschätzt werden sollte.
Neben die staatlich-repressiven Gewaltinstrumente werden starke zivile
Komponenten treten, welche insbesondere durch präventive Massnahmen
drohende Gewalt verhüten. Die Ermächtigung der Bürger,
in Konfliktgeschehen mitzuwirken, bedeutet eine Demokratisierung des staatlichen
Monopols auf Krieg und Frieden, indem bei der Konfliktbearbeitung Organisationen
der Zivilgesellschaft Mitverantwortung eingeräumt wird. Bei wahrhaftiger
Durchführung wird ein solches „Check and balance" von staatlicher
und zivilgesellschaftlicher Konfliktbearbeitung rasch zu einer massgeblichen
Zivilisierung des Konfliktverhaltens der Nationalstaaten führen.
Ausserdem stellt der ZFD allein schon dadurch eine Weiche
zum Frieden, dass er das unerhört krasse Missverhältnis der
Ausgaben für militärische bzw. zivile Konfliktbearbeitung korrigiert.
Bei der anvisierten Konversion staatlicher Sicherheitspolitik zu einer
gesellschaftlichen Friedenspolitik muss als erstes Ziel angestrebt werden,
dass für zivile Konfliktbearbeitung mindestens ebenso viel personelle
und finanzielle Mittel eingesetzt werden, wie für staatlich-militärische
– und zwar auf Kosten letzterer. Wenn in einigen Jahren zivile Konfliktbearbeitung
etabliert ist, wird sich das Verhältnis in nicht allzu ferner Zukunft
noch weiter zugunsten ziviler Massnahmen verschieben. Die offenkundige
Nützlichkeit und Wirksamkeit der Prävention gewalttätiger
und zerstörerischer Konfliktaustragung sowie die fortschreitende
Alphabetisierung in Gewaltfreiheit wird die weit überdimensionierten
Gewaltinstrumente sukzessive überflüssig machen.
3. Der ZFD schafft Dialog und Verständigung
Ich möchte als drittes Argument für einen ZFD jenes des globalen
Austausches anführen. Vergessen wir nicht, dass ein ziviler Friedensdienst
nicht nur durch seine solidarische Unterstützung vor Ort wirkungsvoll
Einfluss auf Konflikte nimmt. Er ermöglicht durch Einsätze im
In- und Ausland auch einen globalen Austausch von Lebenswelten und –erfahrungen,
in deren Zentrum Dialog, Verständigung und Kooperation stehen. Wir
können davon ausgehen, dass die im Rahmen solcher Dienste getätigten
Erfahrungen die Dienstleistenden in ebenso intensiver Weise prägen,
wie dies aktuell die Absolvierung der militärischen Dienstpflicht
bei jungen Männer tut, bloss sind die Erfahrungen von gänzlich
anderer Natur. Gewaltfreie Friedenspolitik baut nicht auf autoritäre
Hierarchie, sondern auf demokratische Hetrarchie, nicht auf Befehl, sondern
auf Konsens, nicht auf Zwang und Gehorsam, sondern auf Motivation und
Freiwilligkeit, um nur einige Unterschiede anzuschneiden.
Welche gesellschaftspolitische Auswirkungen werden wohl nur schon ein
paar hundert Dienstleistende jährlich haben? Bei den Personen selbst
und in ihrem Umfeld, am Arbeitsplatz, bei Verwandten, Freunden und Bekannten?
Zur Veranschaulichung möchte ich auch hier einen Vergleich anregen:
Überlegen sie sich mal welche gesellschaftspolitischen Lern- und
Bewusstwerdungsprozesse die paar Tausend Menschen, welche Einsätze
in sogenannten Entwicklungsländern geleistet haben nach ihrer Rückkehr
in der Schweiz bewirkt haben.
Ich bin der Meinung, dass ein ZFD bereits im Rahmen von 10-20 Jahren
ebenso merkliche Auswirkungen auf die gesellschaftlichen Kompetenzen für
einen gewaltfreien Umgang mit Konflikten haben wird. Er wird weit wirkungsvollere
Massnahmen für eine globale Verständigung und solidarische Sicherheit
entwickelt haben, als dies durch Verteidigungsbündnisse und militärische
Potenz je erreicht werden kann. Wie im letzten Jahrhundert die Einführung
der allgemeinen Kriegsdienstpflicht ein staatspolitisches Instrument war,
welches viel zur Bildung und Stärkung des Nationalstaates beitrug,
so ist heute die Einführung des ZFD ein friedenspolitisches Instrument,
welches zu einer wahren Weltinnenpolitik führen wird.
Der letzte Krieg in Europa hat einmal mehr mit aller Deutlichkeit gezeigt,
dass mit militärischen Mitteln vielleicht einmal ein Krieg zu gewinnen
ist, der Frieden aber in jedem Fall verloren geht.
Ich fordere deshalb, dass wir Bürger und Bürgerinnen unsere
Staaten verpflichten, endlich den Frieden zu erklären und nicht weiterhin
den Krieg, sondern den Frieden vorzubereiten. Nur so können wir die
reelle Chance schaffen, dass vielleicht einmal für alle Frieden zu
gewinnen ist, der Krieg aber in jedem Fall verloren geht.
26.3.2003
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