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Von Hans Hartmann, GSoA
Zehn Überlegungen zu einem Jahrzehnt des sicherheitspolitischen
Umbruchs und dessen Auswirkungen auf die Zukunftsplanung der Schweizer
Armee.
1. Während die Armeen der reichen Gesellschaften des Nordens auch
nach dem Ende des Kalten Krieges weiterhin zuverlässig als institutionelle
Ressorucenvernichtungsmaschienen funktioniernten, sind die kollektiven
Phantasien über Gewalt und Gegengewalt durcheinandergeraten. Die
Legitimationsprobleme der Institution Armee sind ein Ausdruck dieses Umbruchs.
Eine Ära der Gewalt-Ideologie geht zu Ende, eine neue folgt. Die
Gretchenfrage des 21. Jahrhunderts lautet: Was folgt auf die Ideologie
der "Nationalen Sicherheit"?
2. Offensichtlich: die Ideologie der "Kollektiven Sicherheit" – doch
was ist damit gemeint. Verbanden viele zu Beginn der 90er Jahre damit
eine diffuse Hoffnung auf ein System internationaler Politik, welches
die Anwendung von Gewalt in internationalen Beziehungen an Institutionen
des internationalen Rechts bände, überwiegt heute eine neo-interventionistische
Interpretation. "Ad-hoc-Staatengruppen" oder Bündnisse wie die Nato
oder die EU beanspruchen immer selbstverständlicher das Recht, "stabiliserend"
in Krisen und kriegerische Auseinandersetzungen anderswo einzugreifen,
m.a.W.: das Recht, Krieg zu führen. Voraussetzung dafür sind
lediglich: der dafür nötige politische Wille, entsprechnede
militärische Mittel und ein auf öffentliche Akzeptanz ausgerichteter
Legitimationsdiskurs. Der ideologische Umbruch führt im 21. Jahrhundert
jedenfalls dazu, dass Gewalt, Macht, Sicherheit in den reichen Staaten
des Nordens (vielleicht mit Ausnahme der USA?) nicht mehr in Kategorien
der nationalen Abwehrfähigkeit gedacht werden, sondern in Kategorien
des "Irgendwie-Zusammenwirkens". Nationale Grenzen verlieren ihre symbolische
Schützengraben-Funktion. Statt um Abwehr von Gewalt, geht es nun
um ihre Kontrolle beziehungsweise Lokalisierung ("vor Ort"). Nach dem
Waffenstillstand des Kalten Krieges kommt nicht der Frieden, sondern der
Krieg und zwar jederzeit, fast überall; nach dem "Gleichgewicht des
Schreckens", der Scherecken des Ungleichgewichts, das von einem agressiven
Ausgrenzungsimerialismus immer wieder reproduziert wird
3. Die Schweizerische Sicherheitspolitik eignet sich gut, den Übergang
von der Ideologie der "Nationalen" zur "Kollektiven Sicherheit" kritisch
zu analysieren; nicht nur weil die Schweiz diesen Umbruch einige Jahre
verspätet und quasi im Zeitraffer nachvollzieht, sondern vor allem
weil sie lange auf einer reinen, hyper-ideologischen Form des nationalen
Verteidigungsdenkens bestand und dem nun eine hyper-moralische Version
des neuen militärischen Kontrolldenkens entgegensetzt. Wurde die
Propaganda des deutschen Verteidigungsministers Schraping im Kosovo-Krieg
treffend als "humanitärer Fanatismus" gedeutet, muss der militante
Solidaritätsdiskurs des schweizerischen Verteidigungsmninisters Ogi
als "Kriegshumanismus in Friedenszeiten" bezeichnet werden. Die nur spärlich
bewaffneten Schweizer Swisscoy-Soldaten müssen noch nachträglich
ihren symbolischen Beitrag zum "Nie-wieder-Auschwitz-Bombardement" der
Nato leisten, und werden jedenfalls als humanitäre Kriegshelden mit
entscprechenden Medaillen dekoriert.
4.Warum dieser moralisierende Überschuss? Die Schweiz hat sich im
20. Jahrhundert wie die meisten europäsichen Staaten sicherheitspolitisch
als "Sonderfall" verstanden. Wie alle anderen Staaten entwickelte sie
ein Verständnis der "Nationalen Sicherheit", das militärische
"Abwehrfähigkeit" als ultima ratio der Aussenpolitik etablierte.
Die meisten der vom 2. Weltkrieg direkt betroffenen Gesellschaften allerdings,
projizierten im Kalten Krieg einen Teil der gescheiterten Sicherheitsphantasien
auf die jeweils beschützende Supermacht (und übten so die Grundlagen
einer übernationalen Sicherheitsideologie während Jahrzehnten
ein). Anders die offizielle Schweiz: Sie radikalisierte das militärische
Abwehrdenken (Reduit) zu einer nationalen Allmachtsphantasie, die durch
exorbitante Rüstungsanstrengungen und Dauerindoktrination aufrechterhalten
wurde.
5. Jahrzehntelang eingegrenzt durch die All-Ohnmachtsphantasie des atomaren
Overkills expandierte diese helvetische Allmachtsphantasie nach 1989 ins
Lächerliche. Einige Jahre lang versuchte die offizielle Schweiz vergeblich,
diese Phantasie (und die sie verkörpernde Institution Armee) zu redimensionieren
und so zu stabilisieren. Vergeblich. Die "Armeereform 95" und die Blauhelmvorlage
(1994) scheiterten kläglich. Etwa ab 1996 traten Armeespitze und
Verteidigungsministerium die Flucht nach vorne an: in Richtung auf eine
damals erst ungenau skizzierbare Sicherheitskooperation mit den befreundeten
Armeen des reichen Nordens.
6. Als Belege für die Geschwindigkeit dieses Umbruchs lassen sich
eine Vielzahl von Stellungnahmen, Strategiepapieren, politischen Entscheidungen
und organistorischen Massnahmen der vergangenen vier Jahre anführen.
Stellvertretend verweise ich an dieser Stelle auf die Entwicklung auf
Gesetzesebene, die die diskursiven Veränderungen mit einigen Jahren
Verspätung "abbildet": Als rechtlicher Rahmen für Gestalt und
Entwicklung der Armee galt von 1907 bis 1995 eine "Militärorganisation"
genannte Gesetzesgrundlage – im wahrsten Sinne des Wortes ein Jahrhundertwerk
also, das zwei Weltkriege und vier Jahrzehnte Kalten Krieg praktisch unverändert
überstand. Das seit 1995 gültige Militärgesetz soll nun
bereits wieder in den ideologisch sensiblenKernbereichen (bewaffnete Auslandeinsätze,
systematische Ausbildungszusammenarbeit mit befreundeten Armeen) revidiert
werden. Im Jahr 2003 soll dann eine neuerliche Totalrevision des Militärgesetzes
auch die übrigenAspekte der Militärorganistaion auf den Stand
der kooperativ-interventionistischen Sicherheitsideologie bringen.
7.Die Projektionen der neuen, kooperativ-interventionistischen Sicherheitsideologie
brechen sich ständig an der Oberfläche der bestehenden Landesverteidigungsarmee.
Dies führt zu chronischen Legitimationsproblemen, die sich nur durch
sinkenden Militärausgaben, also eine Reduktion der institutionellen
Vernichtung gesellschaftlicher Ressourcen vorübergehend auffangen
lassen.
8. Sinkende Militärbudgets aber verschlechtern umgekehrt die Fähigkeit
der Armee, sich neu auszurichten. Diesen drohenden Teufelskreis will die
"Armeereform XXI" nun sprengen: Die Institution Armee muss die neue Sicherheitsideologie
wieder zuverlässig verkörpern – und zwar so schnell wie möglich.
Die internationale Entwicklung erhöht diesen Zeitdruck: Zwar sind
die Perspektiven für eine EU-Eingreiftruppe noch unklar; dafür
hat die Nato die Uno weitgehend aus dem Geschäft des militärischen
Krisenmanagements verdrängt. Für die Schweiz besonders wichtig:
Die Nato wird Interventionen materiell, organisatorisch und ideologisch
durch die Zusammenarbeit mit formell "ungebundenen" Partnerstaaten abstützen.
Wie diese Zusammenarbeit aussehen wird, entscheidet sich in den nächsten
Jahren. Will die Schweiz Armee davon profitieren, muss sie sich jetzt
an der Ausarbeitung der entsprechenden Konzepte beteiligen.
9. Fazit: Es besteht aus der Sicht der Schweizer Armee eine realistische
Chance, mittelfristig im "Vorhof" der Nato konzeptionell und praktisch
an der Entwicklung der neuen internationalen Sicherheitskonzeption mitzuwirken.
Die Paritzipation am neuen transatlantischen Sicherheitsparadigma beziehungsweise
der daraus resultierende Legitimationsgewinn dürfte – zusammen mit
einer entsprechenden Anpassung der Militärorganisation – wieder für
steigende Militärausgaben ausreichen.
10. Grösster Stolperstein für diese Projekt ist die Unwägbarkeit
der Entwicklung internationaler Sicherheitszusammenarbeit. Heute ist das
VBS wohl froh, dass das Blauhelmgesetz 1994 in der Volksabstimmung durchgefallen
ist. Wie würde der Bundesrat denn heute erklären, dass dieses
Gesetz schon wieder revidiert werden muss? Ziel der laufenden Militärgesetzrevision
ist daher die "Versachlichung" der in Zukunft noch nötigen politischen
Entscheide. Deutlicher als Philippe Welti, zuständiger Mann für
die "Armee XXI" im VBS, kann man das nicht sagen: " Die Armee XXI wird
die bisherigen Armeereformen weit übertreffen … Der wesentliche Unterschied
liegt im Reformkonzept, welches nicht darauf abzielt, der Armee ein neues
starres Gewand zu verpassen, das so lange halten muss, bis es nicht mehr
zu halten ist und durch eine neue Reform ersetzt werden muss. Die Reform
sieht vor, mit diesem Reformschritt zum letzten Mal einen Sieben-Meilen-Schritt
zu tun. Einmal umgesetzt, so geht die Hoffnung, soll diese Reform die
letzte solcher umfassenden Umstrukturierungen gewesen sein. … Es ist das
erklärte Ziel der Planung für die Armee XXI, den historischen
Zyklus von Reform- Ausharen – nächste Reform – Ausharren usw. zu
brechen. … Die Planer wollen aus der Armee ein vitale Organisation machen,
die den kontinuierlichen Wandel laufend erkennt und laufend ihre Folgerungen
daraus zieht. Das nennt man eine lernende Organistion. Das ist eine."
26.3.2003
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